Ach übrigens

Ich war in den letzten Wochen auf zwei Konzerten, das vergaß ich ganz zu erwähnen.

Krischan am 6. September 2019

Jedes Jahr nehme ich mir wieder vor, hier ab und zu ein bisschen öfter was zu schreiben, auch wenns mal nicht so umfangreich oder wichtig oder so ist, oder eigentlich gerade dann, und dann wirds doch immer nix damit oder nur peinlich. Da sollte ich vielleicht wenigstens meine Konzertkritiken bzw. -erlebnisse ein bisschen gewissenhafter aufschreiben. Also los jetzt.

Neurosis und noch zwei

Die wollte ich doch schon seit Ewigkeiten mal live sehen. Und für dieses Jahr hatten sie wieder ein Konzert in Berlin angekündigt. Dummerweise Ende Juli, also mitten in unserem Sommerurlaub, aber meine Olle hat gesagt, das wäre kein Problem, sie würden auch mal zwei halbe Tage ohne mich auskommen, und vom Zeltplatz nach Hause wäre ja nicht so weit und ich könnte doch schnell mal mit dem Auto …

Also hab ich mir beizeiten ein Ticket geklickt, irgendwann zur Kenntnis genommen, dass das Konzert vom Festsaal Kreuzberg ins Huxleys verschoben wurde, und mir am Donnerstag nach einem leckeren löslichen Kaffee Schuhe angezogen, mich ins Auto gesetzt und bin wieder in die Großstadt gebrummt. Die bescheuerte Spurführung durch die Baustelle, ein drängelnder BMW und meine mangelnde Routine beim Autofahren haben an der Auffahrt auf den Berliner Ring fast einen Unfall verursacht, im Briefkasten waren lauter eigentlich abbestellte Zeitungen, aber sonst war alles wie immer. Glaubt man ja immer nicht.

Die anderen älteren Herrschaften in schwarz wollten ohrenscheinlich auch zu Neurosis, schon beim Einsteigen in die Straßenbahn unterhielten sie sich über bislang gesehene Konzerte, am Hermannplatz waren sie aber zunächst ähnlich ratlos, in welche Richtung es denn nun weiterginge. Ich bin dann auch richtig erst zum Nordende gelatscht und hab in die Straßen hineingelugt, ob irgendwo die Hasenheide zu sehen wäre, bevor ich mir die Himmels- und Fahrtrichtungen nochmal klargemacht habe. Aus den Boxen vor einem Imbiss oder Späti an der Ecke dröhnte schon ein Lied von Neurosis, so gehts zu in Neukölln, da weiß man, wie man die Kundschaft rankriegt. Der Fußweg vor dem Gewerbeblock mit Schranke und Parkplatz und Kaufhalle und Läden und dem Eingang zum Huxleys voll mit schrägen schwarzen Gestalten, von denen ich aber keine einzige kannte. Also rein.

Der Security-Kasper kam erst mit dem Barcode-Scanner nicht klar, nachdem er mein ausgedrucktes Ticket dann aber doch irgendwann gescannt hat, fängt er an zu schieben und zu schubsen und zu schimpfen, ich solle hinne machen und nicht so bummeln, so als würde ich irgendwen aufhalten. Dabei spielt erst die erste Vorband, für die sich naturgemäß niemand interessiert, der lieber noch draußen in der Sonne steht und mit seinen Kumpels noch ein Bierchen zischt. Am Einlass jedenfalls mehr Security als Publikum. Idiot.

Drinnen dunkel und warm und mäßig voll. Die Band spielt schon, es ist ja schließlich schon nach achte, klingt gar nicht so schlecht, nix besonderes, aber gut gemacht, irgendwas post-hardcoriges, gern auch schwerer und langsamer, fast schon doomig, auf Dauer nur leider etwas eintönig. Unauffällige Typen mit Pulli und normalen Frisuren. Den Namen hab ich auch bei der Verabschiedung nicht mitgekriegt, aber das Internet vergisst ja nix: Kowloon Walled City. Die Lautstärke kam mir unangemessen niedrig vor, aber über den Sound im Huxleys hatte ich ja auch nur schlechtes gelesen im Zusammenhang mit der Verschiebung des Konzerts. Und die Hauptband muss wohl auch lauter als die anderen, hab ich mal gehört. Erstmal Bierchen.

Später dann Pause und offene Seitentür für Licht und Luft und die Suche nach einem Merchandise-Stand. Gab aber nix, was mich interessiert hätte.

Die zweite Band dagegen dürfte deutlich mehr Leute interessiert haben, liefen doch ziemlich viele mit Yob-Shirts herum, und den Namen hatte ich auch schon gelesen, eine (zumindest zwischenzeitliche) Neurot-Recordings-Band, von der ich grob ähnliche Musik erwartet habe. Also hab ich mich ein bisschen nach vorne geschoben. Die Musik war dann aber eine merkwürdige Mischung aus geradezu dämlichem Heavy-Metal und experimentellen Death-Metal- oder Sludge-Passagen, gefiel mir also phasenweise recht gut, ging mir aber auch immer wieder mächtig auf den Keks. Anzusehen war das ganze dann aber trotzdem, weil sich zum einen der Sänger und Gitarrist nicht entblödete, immer wieder merkwürdige Gesten und symbolische Handhaltungen zu inszenieren, als sei er ein Guru und wir seine Schäfchen, ein Glaube, dem sich auch ein Teil des Publikums freudig anschloss, zum anderen sah der Bassist so schön nach Klischee-Metaller und süßem kleinem Bruder von Johnny Depp aus.

Endlich Pause, Bierchen, noch voller, immer noch kein bekanntes Gesicht dabei, noch weiter nach vorne.

Und schließlich Neurosis auf der Bühne. Der gestählte Dave-Gahan-Verschnitt mit Kettchen und Crass-Shirt am Keyboard-Ständer, der Zwergenkönig mit Glatzkopf und spitzem Bart und bösem Blick an Gitarre und Mikro, der Weihnachtsmann mit Kullerbauch unterm Baseballshirt an Gitarre und Mikro, der altgewordene Bahnhofspunker mit Hängelippe und grünschimmeligem Kurzhaar am Bass, der Drummer. Und die machen nun zusammen dieses Grusel-Getöse. Zumeist bestenfalls kopfschwenkend, gern auch etwas arhythmisch, wie das für Bassisten durchaus typisch ist, nur der Keyboarder verfällt in Overacting, schlägt in Zeitlupe mit den Fäusten auf die Tasten, geht mit dem ganzen Oberkörper voll mit, hängt sich an den Keyboardständer und zieht oder schiebt ihn in gekippte Stellung, so dermaßen reißt es ihn mit und hin und weg. Klar, dass es da zu technischen Problemen kommt und die Techniker auf die Bühne flitzen und Kabel auswechseln müssen.

Hier sollte eigentlich ein Video zu sehen sein.

Im Publikum wie immer ein paar Nervensägen, die ich auch diesmal nicht so richtig ignorieren kann: die üblichen Schwätzer, die nicht wegen der Musik da sind, sondern wegen des Events, dass sie aufm richtigen Konzert sind, worüber sie dann ganz viel zu erzählen haben; die immer weiter nach hinten rutschenden Leute direkt vor einem; das zugedröhnte Pärchen, das sich die ganze Zeit abknutscht und ohne Rücksicht auf die Umstehenden alberne Balztänze vollführt. Und die Schweinefleisch essenden Furzer natürlich. Und ein paar etwas zu enthusiastisch jubelnde Spanier, herrje, nur ich habe das richtige Maß an zurückhaltender Begeisterung und kopfwackelnder Aufmerksamkeit an den Tag gelegt.

Nach einem etwa zweistündigen Set voll alter und neuer Hits ist das Konzert rum, die Massen schieben sich langsam aus dem Saal. Am Späti läuft Radio, wahrscheinlich war auch der Neurosis-Song auf dem Hinweg eine Ankündigung des medienpartnernden Radiosenders und kein raffiniert geplanter Coup des Kioskbesitzers. Im U-Bahnhof wird für begeisterte Reisende Saxophon gespielt, und ich krieg später auf der Danziger noch einen Mitternachts-Döner und brauche noch eine ganze Weile zum Runterkommen, bevor ich ins Bett fallen kann. Das sich ja seit einigen Tagen unter der Decke des Durchgangszimmers befindet, weil Juri das bisherige Schlafzimmer für sich beansprucht. Aber er sieht es erst nach dem Urlaub zum ersten Mal.

Deerhoof und Coco Rosie

Ziemlich spontan haben wir uns neulich dazu entschieden bzw. hab ich mich von Katharina dazu überreden lassen, am Freitag abend zur Pop-Kultur in die Kulturbrauerei zu gehen, weil dort Deerhoof und Coco Rosie spielen sollten und noch eine Sängerin, die Katharina mal im Radio ganz angenehm fand. Ist ja gleich um die Ecke.

Also haben wir den Kindern nach dem Abendbrot Gute Nacht gesagt und sind losgewackelt. Online-Tickets gabs nicht mehr, da hatte ich zu lange gezögert mit meiner Zustimmung, aber mit ein bisschen warten und Schlange wechseln und für zwei Euro mehr gabs ja auch an der Abendkasse noch Tagestickets.

Im Kesselhaus spielte gerade eine Bigband deutschsprachige Popmusik. Nichts aufregendes, aber auch nichts unangenehmes, wofür es den Jubel gab, weiß ich nicht. In einem letzten Stück ausufernder Länge interessante und lautere Passagen, die dann aber leider zu nichts führten. Am Rand der Bühne eine kurzhaarige füllige Frau, die halb tanzend irgendwas in Gebärdensprache übersetzte.

In der Pause großes Rausschieben, die andere Bühne mit der Sängerin aber schon zu und voll, also wieder zurück. Gar nicht so einfach, weil grad aus dem anderen Saal auch Rausschieben und kein Reinkommen, von Türstehern überwacht. Also Warten und im Weg stehen, dadurch noch länger warten.

Drinnen dann noch schön leer, die Deerhoofs aber schon am Aufbauen. Bierchen und gespanntes Warten ganz vorn. Allmählich füllt es sich doch, aber ich bleibe bei der Meinung, dass die Band auf einem Popmusik-Festival eigentlich nix verloren hat, sei es noch so alternativ und indie. Die Gebärdendolmetscherin stellt sich auch wieder ein, und los gehts mit der albernen Musik: piepsiger Gesang mit japanischem Akzent, komische Rhythmen, unvollständige und ständig ab- und umbrechende Melodien, Versatzstücke aus Rock und Pop, und dazu der live immer völlig durchdrehende, aber begnadet gut spielende Drummer, von dessen Spiel man ja auf den Platten nicht viel mitkriegt, weil irgendwo im Hintergrund, auf der Bühne aber eindeutig der Hauptakteur; das Schlagzeug steht auch nicht hinter der Band, sondern auf vorderster Linie ganz rechts. Die anderen gebärden sich aber auch nicht von Pappe, die Sängerin im komisch geschnittenen Kleid hopst und gestikuliert, fuchtelt mit Filzrosen oder macht die Scheibenwischergeste, verzieht aber keine Miene, der Gitarrist mit dem wallenden Haar trägt einen seiner schrillen Overalls und freut sich wie ein Honigkuchenpferd, der andere sitzt im karierten Hemd am Rand auf einem Hocker und guckt amüsiert.

Hier sollte eigentlich ein Video zu sehen sein.

Nicht zu vergessen die wohl üblichen Scherzchen über Andreas, der die Tour gebookt hat und dessen Gitarre nun leider kaputt gegangen ist, Faxen über ein schlecht gestimmtes Schlagzeug und die Ankündigung von ein paar Medleys zum Abschluss. Dafür muss sich der extra von ganz rechts nach links gelaufene und sehr groß gewachsene Schlagzeuger sehr weit und schief zum Mikro der kleinen Sängerin hinunterbücken.

Schön wars. Was die Dolmetscherin da die ganze Zeit übersetzt hat, weiß ich nicht, es war wohl auch eher ein allgemeines Kommentieren der verrückten Musik als ein Wiedergeben der im Zweifelsfall ja unverständlichen Texte. Macht ja nix.

Wieder raus und der Versuch, die eine Sängerin zu sehen, aber alles voll und keiner kann mehr rein. Was essen? Alles so teuer und komisch. Bisschen rumgucken gehen. Und beizeiten wieder rein, um was von Coco Rosie zu sehen, deren erste spielerische Lofi-Platte ich ja recht schick fand, die ich dann aber nach der scheinbar dauerhaften Beteiligung eines Beatboxers aus den Augen verloren habe. Hier sind sie offenbar Headliner, es ist knüppeldicke voll, wir finden nur ganz hinten einen Platz.

Gott sei Dank, denn wir sind dann beizeiten wieder gegangen, so dämlich fanden wir den Auftritt. Ja, der Gesang ist schon im Grunde noch derselbe, die beiden Stimmen, die da so interessant aufeinandertreffen, aber der Rest! Komische Klamotten, die pö-a-pö ausgezogen werden, um Unterwäsche sehen zu lassen, die dämlich devot grinsenden alten Herren an den Instrumenten, das ganze hiphoppige Gepose und Gefeiertwerden, die einfältige Musik, nichts davon hat mich auch nur angesprochen, sondern im Grunde von vorn bis hinten angewidert. Schade.

Ratlos, was mit dem Rest des Abends anzufangen wäre, um nicht das Gefühl zu haben, für einen Deerhoof-Auftritt unangemessen viel Eintritt bezahlt zu haben, haben wir dann doch nur den Weg nach Hause angetreten, unterwegs noch eine Filiale des Zweistrom-Imbiss auf der Danziger angesteuert, dessen Falafel aber leider nicht so lecker wie das Original von der Kollwitzstraße oder der Zweigstelle bei uns auf der Greifswalder war, vielleicht lags aber auch nur an der Uhrzeit, er war eigentlich schon am Zumachen und hatte am Ende schon die Hälfte der Zutaten weggeräumt. Spätibier und ab in den verschlafenen Winskiez. (War Juri noch bzw. wieder wach, oder war das ein anderer Abend, an dem wir uns noch Youtube-Videos von Deerhoof-Auftritten angesehen haben?)