War ich auf einem Konzert? War ich.
Ist jemand mitgekommen? Nö.
War trotzdem geil gewesen? War es.
Die Info, dass Elephant9 in der Neuen Zukunft spielen soll, hat mich ja erst zwei Wochen vorher erreicht, über die Plattform songkick, wo ich mich mal registriert und alle mir bekannten Bands angeklickt hatte, damit man mich informiere, wenn sie in der Nähe aufzutreten gedenken. Dann hab ich der Katharina nochmal vorgespielt, wie geil die da mit wirren Drums und irrem Bass das Dauergeorgel von olle Ståle Storløkken verstärken, viel besser als wie bei Motorpsycho, aber das Gedudel hat ihr gar nicht zugesagt. Außerdem, ach schade, an genau dem Tag trifft sie sich ja mit ihren ehemaligen Kollegen, nee du, geh mal lieber alleine.
Bei der Neuen Zukunft auf der Website das Programm-PDF angucken, den Veranstalter entziffern und internetsuchen, auf dessen Website das Konzert finden und einen Link zum Ticketkaufen anklicken und sich durch ein mehrstufiges Bezahlen hangeln war in Nullkommanix erledigt. Das Abendbrot dann nicht, aber ich bin ja trotzdem noch pünktlich losgekommen und nach Bargeld holen und zur S-Bahn latschen und von der S-Bahn bis zum Klub noch mehr als rechtzeitig angekommen, weil ging noch gar nicht rein. Bitte noch bisschen Geduld. Konnte ich nochmal auf Social-Media ein bisschen die Kommentare zu den albernen Umständlichkeiten rund um die Sondierungsgespräche der zukünftigen Berliner Landespolitik durchscrollen. SPD macht einen auf FDP und die Grünen spielen mit, um sich die CDU warmzuhalten, oder?
Dann aber. Abendkasse zehn Prozent teurer als mein gewischtes Ticket, kaum Leute da, auf dem entsprechenden Tisch erstmal nur Merch von der Vorband ausliegend, die als SEK angekündigt war: Platten, CDs, Käppis, Kassetten, Aufkleber und T-Shirts, allesamt komisch aussehend: Schwerter mit ungelenken Buchstaben, Ritter in schwer entzifferbarem Comicstil, kreiseliges Krikelkrakel. Ich wollte doch aber die zweite Platte der Hauptband mitnehmen! Im Kinositz neben dem Merchtisch fläzend nachgeguckt, was es mit der Band auf sich hat, auf bandcamp gefunden und erkannt, dass das die Heinis sind, die da so komisch vor der Tür im Weg herumstanden.
Dann gings auch schon los, fast noch pünktlich um acht: drei Langhaarige mit Bärten, der Drummer seitlich auf der linken Bühnenhälfte, der Gitarrist gegenüber und der Basser in der Mitte. Haben ganz gut einen weggerockt, die Gitarre im wesentlichen mit Melodien beschäftigt, der Bass dafür angezerrt und mit Chorus oder so, damit er den Rhythmusgitarrenpart mit übernehmen kann. Schöne Entwicklungen, schönes Auf und Ab, der Bass vielleicht ein Mü zu leise, aber insgesamt nettes Psycho-Prog-Rock-Getue, das sich über ewige Minuten erstreckt hat, ich glaube nach zwanzig Minuten waren sie mit dem ersten Stück fertig, ganz ohne Gesang, aber mit genau dem richtigen Maß an Abwechslung und Monotonie, um elegisch mit dem Kopf zu wackeln. Dann noch ein zweites Stück, nur etwa zehn Minuten lang, und schon waren sie fertig, haben sich bei allen bedankt, auf den Merch hingewiesen und darauf, dass die Hauptband keinen mithat, am Flughafen vergessen. Na toll.
In der Pause nochmal scrollen und lesen, dass die Gespräche nun doch morgen schon weitergehen sollen. Was denn auch sonst? Kindergarten eh. Nach dem Umbau dann allmähliches Beginnen der Hauptband aus Norwegen, links das Schlagzeug mit drei Hänge- und zwei Standtoms und riesigen Becken und einem leicht moppelig wirkenden Schlagzeuger dahinter, rechts eine Burg aus Orgeln und Keyboards und Synthesizern, hinter denen ein bebrillter Schlaks mit grauem Haar und fliehendem Kinn (jetzt also ohne den albernen Bart) Platz nahm, in der Mitte Platz für den wuschelköpfigen Basser lassend. Was da nach Instrumente stimmen und ausprobieren und zurechtruckeln aussah und klang, blieb eine ganze Weile freejazziges Gefuzzel, bis der erste Song loskrachte, zu dem das Intro planmäßig dazugehört, ein schönes Stück von der ersten Platte, das schon alles bietet, was die Band so herrlich macht: virtuose Drums, interessante Rhythmen, blubbernder Bass und mehrere durcheinanderspielende gniedelige Orgeln, irgendwo zwischen Rock und Jazz, aber nicht dieses Fahrstuhlzeugs, sondern das andere. Das krasse, das gute. Und das alles in atemberaubendem Tempo und verblüffender Akkuratesse und trotzdem scheinbar locker aus dem Handgelenk geschüttelt.
Aber die Vorband hatte uns je gewarnt, dass wir hier zerorgelt werden. Der Saal inzwischen recht ordentlich gefüllt, wurde nicht nur zwischen den Songs ausgiebig gejubelt, sondern auch mittendrin immer wieder gejuchzt, gegrölt und gejauchzt und gepfiffen, bei Jazz ist Szenenapplaus ja schließlich üblich. Publikum übrigens fast ausschließlich männlich und eher älter. Ein Grüppchen Franzosen war mir aufgefallen. Aber wie gesagt mit Freude bei der Sache. So wie die Band. Die ihr Programm fast anderthalb Stunden durchzog, leise Passagen, experimentelle Passagen, geradeaus rockende Stellen, unerwartete Breaks und irrsinnig verklausulierte Phasen, wo die Eins fast nicht mehr zu erkennen war, der Tastenmann ständig auf der Suche nach dem richtigen Knöppchen und der nächsten Taste an einem der Geräte, die da um ihn aufgetürmt waren, dass es ihn immer wieder aus dem Hocker hob, der Drummer mittendrin auf einmal mit je zwei Stöckern in jeder Hand auf alles klopfend, was da zu seinem Schlagzeug dazuzugehören schien oder wenigstens in Reichweite war, der Basser dagegen recht stoisch in der Mitte der Bühne stehend und in runden Handbewegungen die krassesten Läufe aus seinem Instrument herauslockend.
Nach kurzem Schlussapplaus noch eine Zugabe, wieder ein schönes altes Stück, möchte ich meinen, dann war aber Schluss, fast zwei Stunden, das hält ja bei der Musik kein Mensch aus. Weder vor noch auf der Bühne. Ich hab mir zur Abkühlung noch ein Bierchen gegönnt und dann doch noch die Platte der Vorband geholt. Gab ein paar Aufkleber gratis dazu. Und mir dann den Weg nach Hause gesucht, die Ringbahn wollte ja zwischen zehn und zwei Ersatzverkehr alle zwanzig Minuten anbieten, also mit der anderen Linie um das Ostkreuz herum zum Alex und von dort mit der Tram. Wo ein Mädel laut Duolingo gespielt hat, paling.