Da geh ich ja nun schon seit zweieinhalb Jahren ungefähr einmal monatlich hin, um meines Amtes zu walten, und hab dabei in den Pausen auch schon den einen oder anderen Blick in den einen oder anderen Gang, in das eine oder anderer Treppenhaus, in den einen oder anderen Saal geworfen, aber der Verein der ehrenamtlichen Richter, dem ich als pflichtbewusster Deutscher natürlich sofort nach Ernennung beigetreten bin, der bietet aller paar Monate exklusive Führungen für seine Mitglieder (und Noch-nicht-Mitglieder; aber (Berliner oder Brandenburger) Schöffen müssens wohl sein) an, bei denen man auch Einblick in Räume bekommen soll, die den gewöhnlichen Sterblichen sonst verschlossen bleiben, auch den Schöffinnen und Schöffen.
Und da ich ja grad immer noch nichts zu tun habe, kann ich das Angebot auch an einem stinknormalen Mittwoch morgen annehmen. Treffpunkt schon kurz nach achte, eigentlich im Gebäude direkt hinterm Eingang vor der Sicherheitsschleuse, wo auch die Tafel mit den angeschlagenen Verhandlungen steht, also hab ich die vielen Leute ignoriert, die da vor dem Eingang herumlungerten, war ja wohl auch eine Schulklasse oder, die Erwachsenen dann die Begleitung, aber drin der einzelne Herr an Ort und Stelle verwies mich dann wieder nach draußen, wo ich mich bei Vorname-vergessen registrieren müsse, was bedeutete, dass ich meinen Eintrag auf der Teilnehmerliste abhaken und mit einer Unterschrift versehen sollte. Ja, den Dicken hatte ich schonmal gesehen, das war der leutselig plappernde Fotograf bei der letzten Veranstaltung, als ich vor ein paar Wochen schonmal ein Angebot des Vereins angenommen und einem Vortrag beigewohnt hatte, der uns die Eigenheiten der forensischen Psychiatrie nahebringen sollte. Und ein Fotograf war ja auch diesmal angekündigt worden mit der Vorwarnung, wer nicht in der Mitgliederzeitschrift und/oder im Internet zu sehen sein wolle, müsse das am Anfang mitteilen.

Die kleinere ältere Frau, die dann noch dazustieß, kam mir auch bekannt vor und stellte sich ja auch als Vorsitzende des Berliner Landesverbandes vor. Als angemeldete Schöffen konnten wir dann wieder den Diensteingang benutzen, ohne uns durchleuchten lassen zu müssen, es wurde nur ein Blick auf unsere Ausweise geworfen, die mit einer hinterlegten Liste abgeglichen wurden; wir sollten ja im Zuge der Anmeldung auch unsere Ausweisnummern übermitteln. Dann erstmal rumstehen im großen Vestibül, Treppensaal oder wie immer man das nennen soll, was einen da im wilhelminischen Gebäude begrüßt. Begrüßung durch den Führer, Grußworte des für die Schöffen zuständigen Richters, der danach aber gleich wieder verschwand, er wird wohl zu tun haben, Herumreichung eines Hefters mit historischen Bildern des alten und neuen Kriminalgerichts-Gebäudes, Aufsagen von Zahlen zu Größe und Bedeutung des Gebäudes und des Verwaltungsapparates, Erörterung der Vor- und Nachteile des denkmalgeschützten Gebäudes für die Digitalisierung der Justiz. Bei der Gelegenheit auch Erklärung der ineinander verschnörkelten Buchstaben in den Bodenkacheln: KCG steht für das »Königliche Criminal-Gericht«. Und die goldenen Kacheln, die im Fußboden und vor allem in den Wänden immer wieder auftauchen, sind das Ergebnis eines Kunstprojektes, dessen Urheber unserem Gruppenführer aber nicht mehr namentlich bekannt war.
Teil der Führung sollte eine Prozessbesuch sein. Da wir bis auf eine Ausnahme alle Erwachsenen-Schöffen waren, wurde die Idee begrüßt, einen Prozess der Jugendgerichtsbarkeit zu besuchen. Im Gebäude B, da war ich ja auch noch nicht, das ist der schicke (nicht mehr ganz so) moderne Bau mit den schrägen Ecken. Also hoch und rüber. Die Gänge dort viel flacher und enger, viel Klinker und kühle Sachlichkeit, alles schön rechtwinklig, fast wie so ein Schulgebäude oder das eine oder andere (angebliche) Polizeigebäude aus Film und Fernsehen. Vor dem anvisierten Saal dann noch warten und abklären, ob es bei der Öffentlichkeit der Verhandlung bleibt, die ist ja bei Jugendstrafprozessen gern auch spontan noch auszuschließen; ist der/die Angeklagte unter 18, wird sie sowieso nicht zugelassen. Das wäre ja noch schöner.
Als Gruppe von etwas mehr als zehn Leuten steht man natürlich schnell im Weg herum, vor allem wenn die Gänge verwinkelt und eng und überall Türen sind, manch einer scheint da auch eine Begabung zu haben, aber es fanden sich auch immer wieder weisende Hände und Armbewegungen, und an der Stelle zu der Zeit tauchten eh keine der Justizbeamten mit den vollen Aktenwagen auf. Sondern nur lauter andere Leute, eine junge Frau mit einem losen Aktenberg unterm Arm zum Beispiel, die sich dann als die Richterin herausstellen sollte. Und kurz erstaunt war, was das denn jetzt für Menschenmassen seien, uns aber bereitwillig und auskunftsfreudig für unsere Fragen zur Verfügung stand, als die aufgerufene Verhandlung gleich erstmal für eine Viertelstunde unterbrochen wurde, weil nämlich die zweite Angeklagte gar nicht erschienen war. Ladung nicht angekommen, das kenne ich ja jetzt schon.
Ich habe mir in der Zeit mit halbem Ohr den Saal angeschaut, der gar nicht so nüchtern aussah, wie ich das von anderen Pressefotos aus diesem Gebäude kenne, aber vielleicht stammen die auch aus einem ganz anderen Gebäude oder Gebäude-Teil. Farblich nämlich ganz putzig, dunkelgrüne Decke mit einem rechtwinkligen Muster aus schwarzen Lüftungsöffnungen und weiß umrandeten Leuchten, grüner Linoleum-Fußboden, petrolfarbene Klappsitze für die Zuschauer, in drei leicht ansteigenden Reihen, die Wände mit einer Kombination aus weißen Platten und senfgelben Streifen von Lochblechen, dazu kantige Holztische, hinter dem Richterpult das Fenster, auch hier an etlichen Stellen schräge Winkel und Ecken, das alles hatte einen schönen retro-modernen Touch.
Neben der Richterin und der Protokollführerin eine weitere junge Frau auf der Richterbank, die noch in der Ausbildung war und nur zugeguckt hat. Rechts davon in einer weiteren festen Bank der Staatsanwalt, neben ihm an einem normalen Tisch der Mitarbeiter des Jugendamtes, der im Rahmen der sogenannten Jugendgerichtshilfe immer Teil einer Jugendstrafverfahren ist, ihm gegenüber die Angeklagte und ihre Rechtsanwältin, die von der Richterin die anwesenden Personen vorgestellt bekamen. Hinter ihnen an der Wand eine abgetrennte und durch seitliche gelbe Gittertüren verschließbare Bank für Angeklagte, die vermutlich nur benutzt wird, wenn die Angeklagten irgendwie gesicherter untergebracht werden müssen.
Als nach einer Viertelstunde immer noch niemand aufgetaucht ist, ging es los. Personalien, Anklageverlesung. Gerangel im U-Bahnhof, Schläge, Tritte, Beleidigungen, aber unsere Angeklagte nur am Rande beteiligt, nicht von Anfang an dabei und auch vor Ende wieder weg. Den einen Tritt gab sie zu, die Vorgeschichte und Begleitumstände erläuterte sie, und gern hätte sie sich auch entschuldigt, aber die Geschädigte war nicht zugegen. Nach einer weiteren Erörterung der familiären und sozialen und ökonomischen Situation kam der Mann von der Jugendgerichtshilfe zu Wort, der ausführlich über die Ergebnisse der Unterhaltungen seiner Kollegin mit der Angeklagten und deren Mutter referierte. Ich hab mich in der Zwischenzeit gefragt, warum so eine Lappalie überhaupt vor Gericht landet; als ich in dem Alter war, tobten gerade die heute sogenannten Baseballschlägerjahre, und niemand wäre auf die Idee gekommen, zur Polizei zu rennen, wenn er so glimpflich davongekommen wäre, wie das Opfer in diesem Fall, und vermutlich kein Gericht hätte sich mit diesem Fall und schon gar nicht mit einer so am Rande des Geschehens beteiligten Person wie der Angeklagten hier befasst. Da hieß es dann immer nur »rivalisierende Jugendbanden« und sinngemäß »selber schuld«, wenn die Nazis mal wieder jemanden überfallen und krankenhausreif geschlagen haben, der sich ja wohl selber und ohne Not als erkennbar gegen Nazis in die Öffentlichkeit gestellt hat. Die bessere Variante war das also schonmal nicht.
Beweismittelwürdigung auch hier nochmal, auch nach dem Geständnis, hieß Projektion der Akten, in denen die Aufnahmen der Überwachungskameras des U-Bahnhofs als Einzelbilder in Sekundenabstand abgedruckt waren. Eine Person in der vorher nachgefragten Bekleidung der Angeklagten tauchte spät auf, ein Tritt war nicht zu sehen. Leicht suggestive Fragen der Richterin, ob die Bilder des Geschehens die Angeklagte jetzt nicht doch erschrecken würden, wurden bejaht.
Da keine Schöffen am Verfahren beteiligt waren, konnten sich Richterin, Staatsanwalt und Angeklagte relativ spontan auf eine Einstellung unter Auflagen einigen, bei der Wahl zwischen zwanzig Stunden Freizeitarbeit oder einer Geldstrafe von 250 Euro hat die Angeklagte lieber das Geld gewählt, um mit ihrer Zeit besser haushalten zu können, die sie ja auch für den Haushalt und die Pflege ihrer Mutter benötigte. Und auch das Zeitfenster für die Ratenzahlung konnte ausgehandelt werden, drei Monate würden aber reichen, um neben der Fahrschule noch genügend Puffer zu haben. Die Richterin erläuterte der Angeklagten nochmal genauer, wohin das Geld ginge und wer das bekomme: in Berlin geht das in einen Topf, aus dem Schadensersatz an die Geschädigten in solchen Fällen gezahlt wird, in denen von den Verurteilten nichts zu holen sei. Genauer Termin für die vollständige Zahlung, Kontoverbindung und notwendiger Betreff wurden übermittelt, die Konsequenzen einer nicht fristgemäßen Zahlung wurden lakonisch düster an die Wand gemalt, und fertig war die Chose.
Wir durften auch hinterher noch ein paar Fragen stellen, auch der Sozialarbeiter vom Jugendamt hat nochmal seine Arbeit genauer erläutert, und dann tauchte auf einmal doch noch die andere Angeklagte auf, bekam jetzt aber nur den Hinweis, dass das Verfahren abgetrennt und an einem neuen, noch bekanntzugebenden Termin stattfände. Ob das mit irgendeiner Ordnungsstrafe verbunden war?
Wie war dann die Reihenfolge? Daran erinnere ich mich gar nicht mehr genau. Wir sind noch kurz durch die Cafeteria ganz oben im Gebäude C gelaufen, von hinten über ein mir bislang unbekanntes Treppenhaus in den Speisesaal rein und vorn wieder raus. Der Blick wurde angepriesen und die Möglichkeit zum Austausch und zum rauchen auf dem Balkon.
Dann haben wir einem Raum der Staatsanwaltschaft einen Besuch abgestattet, wo sich die Stapel der Gerichtsakten türmten, in den Regalen, in den Postkisten, auf den Stühlen und Tischen, alles voll von gebündelten und überquellenden rosa Mappen, manche auch blau oder gelb, dazwischen Zettel und Formulare und ein paar Tische mit Beamten, deren einer sich in offenbar geübter Manier über seine Arbeit und das Gebäude und die Gefahren des täglichen Lebens und noch so dies und das verbreitete, so dass wir unsere liebe Not hatten, uns wieder loszueisen. Das besondere an den Büros: die Fenster zur JVA sind nicht vermilchglast wie die in diese Richtung zeigenden Fenster in den Fluren und Treppenhäusern und Toiletten sonst, und man hat also einen schönen Panoramablick in einen der kleinen Höfe des Untersuchungsgefängnisses.
Danach führte unser Weg zur Pressestelle, wo uns eine Mitarbeiterin kurz erläuterte, was ihre Arbeit ist: Journalisten mit Informationen versorgen, veröffentlichte Artikel nach Fehlern durchsuchen, die Liste der ausgewählten Verhandlungen für die interessierte Öffentlichkeit in die Website von berlin.de einpflegen, und welche Arten von Verhandlungen da tunlichst nichts zu suchen haben.

Dann waren wir noch im Keller bei der Poststelle. Nicht ganz so repräsentative Gänge, eher wie in meiner alten Schule, und früher wohl die alte Kantine beherbergend. Auch dort waren wir angemeldet und wurden nach kurzer Rückfrage eingelassen. Zu sehen gabs eigentlich nix, aber einer der Beamten war grad am Abstempeln der eingegangenen Post, ein amtlicher Stempel muss ja beglaubigen, dass die Unterlagen fristgerecht im Gericht eingetroffen sind. Das tat er mit einem schönen altmodischen Stempelhammer, der abwechselnd auf ein rotes Stempelkissen und die flugs platzierten Unterlagen sauste. Soundso viele Tonnen Papier würden hier jeden Tag mit LKWs angeliefert und hin- und hertransportiert, soundso viel Porto würde jeden Tag ausgegeben, sehr interessant.

Kurzer Abstecher zur Sanitätsstation, die an der Ecke des Abzweigs zur Berechnungsstelle liegt. Die beiden Rotes-Kreuz-Mitarbeiter:innen haben aus ihrem Alltag geplaudert und dass sie im Schnitt drei Einsätze pro Tag hätten, an manchen gar nichts, an anderen von früh bis spät zu tun hätten. Schnittverletzungen vom Papier, schwummerig gewordene Angeklagte, Herzinfarkte, manchmal helfe auch gutes Zureden. Jaja, Simulanten gäbe es auch manchmal.
Dann wollten wir uns noch einen der beiden Schwurgerichtssäle angucken, die im Gebäude A direkt über dem Eingang liegen und nochmal ein Stück größer und pompöser sind als die andern Säle. Der Zugang zu diesen Sälen ist für Besucher über eigene Türen in separaten Treppenhäusern möglich, und dort standen erstaunlich viele Leute herum und wunderten sich, dass wir uns an ihnen vorbeidrängelten. Die standen aber offenbar alle für den unteren Saal 500 an, wir sind jedoch die Treppen weiter hochgestapft bis zur 700, dessen Tür aber verschlossen blieb. Uhrzeitmäßig wäre eine Mittagspause auch nicht verwunderlich, es war inzwischen kurz vor zwölf, also wieder runter. Und eventuell später nochmal probieren oder nochmal nachfragen bei den Justizbeamten, wie es denn nun stehe mit den Verfahren in diesen beiden Sälen.

Wir haben uns dann nach einigem Hin und Her doch nochmal vorm Saal 500 eingefunden, um herauszufinden, ob wir dort während der Pause mal einen kurzen Blick in den Saal werfen könnten, was dann auch schließlich klappte, aber leider ohne Fotoerlaubnis. Stuckbilder an der Decke, in dunkelrote Farbe getauchter Strukturputz an den Wänden, Galerien oder Logen über der Richterbank und über dem Zuschauerparkett, schwere Vorhänge vor den Fenstern, mitten im Saal eine unpassende Stahl-und-Glas-Konstruktion aus RAF-Zeiten. Das ist schon eine andere Hausnummer als die normalen Säle im Gebäude, die ich sonst immer benutzen darf. Nur die Holztäfelung hinter der Richterbank war hier deutlich schlichter. Vor dem Saal ein Journalist, der von dem einen oder anderen älteren Schöffen erkannt wurde und als wichtiger Gesprächspartner etwas anbiedernd in eine kurze Unterhaltung gezogen wurde, während der ich mich lieber weiter im Gebäude umgeschaut habe.

Ach ja, in der Bibliothek waren wir auch noch, die sich auch weiter oben im Gebäude A befindet. Gebundene Jahresbände juristischer Zeitschriften, Abhandlungen und Kommentare, älteres und neueres, in einer Galerie auf halber Höhe auch noch ein bisschen noch älteres, da sind wir aber nicht noch hochgeklettert. In der Zwischenzeit kurze Erläuterungen zu einem Verfahren gegen Erich Mielke, der hier wegen eines Mordes in den Dreißigern angeklagt und verurteilt worden ist. Und den Spruch auf der Fassade sollten wir uns noch angucken, der sich da auf der gegenüberliegenden Wand in den Ornamenten im Putz verbirgt, kurz unter der Dachkante in einem der kleinen Lichtinnenhöfe, und den ich aber schon öfter von den Beratungszimmern aus gesehen hatte: »Die Sonne bringt es an den Tag«. Jaja.

Zum Schluss haben wir noch für ein Gruppenbild posiert, rund um die Uhr mitten im Treppenhaus drapiert und quer durch die große Halle von der gegenüberliegenden Seite aus fotografiert.
Die offiziell angekündigte Zeit des Rundgangs war nun schon deutlich überschritten, die ersten Teilnehmer verabschiedeten sich schon, und als sich der Wechsel in die Cafeteria noch weiter verzögerte, hab ich mich auch aus dem Staub gemacht. Nur noch kurz meine Anträge in den Briefkasten der Berechnungsstelle geworfen. Neuerdings brauchen die ja doch etwas länger, aber vielleicht bearbeiten die auch die Anträge mit Verdienstausfall bevorzugt, und Verdienstausfall hab ich ja im Moment nicht.