Zu-zu-zuuu

Die durchgeknallten Italiener von Zu waren zu Gast in der Neuen Zukunft.

Krischan am

Vor ziemlich genau neunzehn Jahren haben wir zwei die zuletzt gesehen. Zweitausendsiehm. Und vor ziemlich genau einem Jahr sind wir zuletzt zu zweit zu einem Konzert in der Neuen Zukunft gezuckelt. Zwannzschfümmunzwannzsch. Macht zusammen nftige zwanzig Lenze. Zacker-di-zwosch. Ich hör ja schon auf.

Jedenfalls haben wir diesmal gar nicht erst Tickets vorher gekauft. Waren sowieso nirgends Vorverkaufsstellen dafür angezeigt. Und das dusselige Procedere mit der App-Pflicht wollten wir uns nicht nochmal antun. Und sowieso, wer kennt die Band schon, da wirds nicht voll, da gibts noch Karten an der Abendkasse, und selbst wenn viele Leute kommen, dann erst relativ spät, also zumindest später als wie wir, die wir immer schön pünktlich vor Ort sind. Damit entfiel leider auch die Info, wieviel man denn da berappen müsse, aber in der Zukunft isses bestümmt nicht teuer, und die Band ist auch nicht berühmt oder so, also wirds schon im üblichen bzw. unterhalb des heutzutage üblichen Rahmens bleiben. Hab ich mir gedacht.

Eine neue Platte hattense ja auch gerade erst angekündigt, auf bandcamp gips die schon zum reinhören, physisch veröffentlicht wird die aber erst nächste Woche, da kann ich die wohl noch gar nicht beim Konzert mitnehmen. Hab ich mir gedacht.

Dann war aber alles ganz anders. Auf dem Weg zum Konzert sind wir noch kurz eingekehrt und haben als Abendbrot zum Dönerstag erstmal noch einen leckeren Falafel bzw. Haloumi verzehrt, im sehr guten und preiswerten Gilgamesch drei Häuser weiter. Dann sind wir nur bis zum Ostkreuz gefahren und von dort aus gelaufen, weil uns die Vorstellung nicht gut gefiel, uns bei dem überfrierenden Regen, der gerade eingesetzt hatte, über die gebogene Brücke zwischen Treptower Park und Stralau zu hangeln, wo der Schnee auf den Wegen vermutlich noch schlechter geräumt und/oder gestreut ist, als in Berlin aktuell sowieso schon. Und weil die erstbeste S-Bahn, die wir da erwischt hatten, sowieso nur bis Ostkreuz fuhr. Der Weg von da war etwas länger und lief sich vor allem vor dem Bundeskriminalamt auch nicht besonders gut und hatte zudem Ampelschaltungen parat, die uns lange warten ließen, aber trotzdem waren wir immer noch hinreichend pünktlich zehn vor acht da, wo es aber lapidarisch hieß, die Vorband sei noch beim Soundcheck, bitte noch Viertelstunde warten, da drüben könne man aber im Warmen bei einem Bier sitzen. Wir haben uns stattdessen die Gegend rund um den Club beguckt, da ist ein Stück weiter hinten noch eine Fonduehütte zum Beispiel. Der Eintrittspreis, den wir uns während der Wartezeit als eindeutig unter zwanzig Euro liegend zusammengereimt haben, lag dann bei happigen neunundzwanzig Euro, pro Person wohlgemerkt, zu entrichten ausschließlich in bar, und der Tüpi meinte noch, doch-doch, das wäre vorher klar und öffentlich einsehbar gewesen, und sowieso lege das ja der Veranstalter fest, er wäre hier aber nur der Veranstaltungsort, so ähnlich haben sie sich das letzte mal ja auch schon rausgeredet. Hammer halt bezahlt, was willste machen, nach Hause gehen etwa?

Der Mann von der Vorband hat uns dafür dann noch die Tür zum Saal aufgehalten, den hab ich an seiner Gesichtsbemalung erkannt, ich hatte ja schon im Internet nachgeguckt, wer das sein soll und was der so macht. Da waren sich ja mal wieder alle einig, dass das schwer in die altbekannten Schubladen zu quetschen sei, dabei war das einfach musikalische Einschlafhilfe, ganz wenig Akustikgitarre mit sehr leisem Bariton-Gesang. Wer das wohl als Kontrastprogramm für Zu angerührt hat? Live war das dann aber ganz putzig, als Einmannband mit Westerngitarre und offenbar einigen wenigen Knöppchen, die ab und zu vor Beginn des Liedes irgendwo am Boden ein Hintergrundgeräusch gestartet haben. Der Mann auch unerwartet kasperiger als gedacht, heftiges Kopfgeschüttel beim Singen, das Mikro auch ganz weit oben, so dass er nach oben singen musste, zwischendurch parodistisches Echo auf die zaghaften Applausbekundungen, Hände und Lippen wurden völlig schambefreit lockergeschlackert, im Ergebnis war das irgendwas zwischen Nick Cave (Stimme), Bill Callahan (Gitarre) und Steve Westfield (parodistisches Herangehen), würde mir da als Einordnungshilfe einfallen. Der Name Dead Western wurde auch ein bisschen klarer, weil die Songs in ihrer Grundlage ja vielleicht sowas wie Totenlieder aus dem Western-Genre gewesen sein könnten.

Mit der Zeit ist es ziemlich voll geworden. Ich durfte mir in der Pause noch ein zweites Bier holen, und dann haben wir uns einen Platz weiter vorne gesucht. Damit wir von der Hauptband was sehen und hören. Die kamen dann, wie neulich schon öfter beobachtet, nicht einfach auf die Bühne, wenn die Zeit ran ist, um dann anzufangen Musik zu spielen, sondern da muss vorher extra was mit Licht und Musik gemacht werden, damit alle mitkriegen, gleich gehts los. Projektionen gabs auch mal wieder, der heiße Scheiß aus den Neunzigern zieht immer noch, pixelige Schwarzweißbilder von Gebirgen oder Weltall oder was abstraktes, sich langsam bewegendes, dann hat man was zum gucken, und so grob passt es ja auch zur Musik. Aber zum begucken war ja der Schlagzeuger, ein Zauselkopp mit grauem Rauschebart, der wirklich beeindruckend auf seinem ausufernden Gerät herumdrosch, eine Unzahl an Becken, jeweils mehrere auf einem Stiel, dazu Toms und andere kleine Trommeln und an der Seite wohl auch was elektronisches. An mehreren Stellen des Sets war entsprechender Platz für lange Solopassagen eingebaut, in denen er glänzen konnte. Und auch glänzte, Mann-oh-Mann. Musste er sich danach glatt ein wenig verschnaufen, bevor er wieder in den Krach seiner Kollegen einsteigen konnte. Links der Saxophoner mit Glatze und Bart unterm Kinn, der zwischendurch auch an einem Synthesizer herumdrückte, aber vor allem mit dem dröhnenden Krach seines Bariton-Saxophons beeindruckte, ein riesiges Ding mit Extraschlaufe am oberen Ende, damit das Rohr noch länger wird und besser brüllen kann. Rechts der Bassist, der ein ehemals elegantes, inzwischen aber angemessen ramponiertes Instrument mit schönem mehrschichtig verleimtem Holzkorpus bediente, gern krass verzerrt und ganze Akkorde spielend, in den hohen Lagen an manchen Stellen eine E-Gitarre imitierend, an anderen Stellen andere Sounds erzeugend, da war ja hinterher auch eine große Palette an Effektpedalen zu sehen an seinem Platz.

Musikalisch war das ganze ein ganzes Stück abwechslungsreicher, als ich es in Erinnerung hatte. Gar nicht nur so das Krachgemeier, sondern daneben und dazwischen auch cineastische und postrockige Passagen, ruhigeres, langsameres, fast schon melodiöses, fast schon rhythmisches, der Synthesizer wichtiger und prominenter, den hatten sie doch früher gar nicht, oder? Aber das Hauptthema, mathig vertrackten Krach mit verzerrter E-Bass-Gitarre und riffig gespieltem Saxophon-Bass, das blieb schon noch dominant. Und beeindruckend. Ab und zu ein paar Längen, an denen ich nicht mehr so recht wusste, wo das grad hinsollte, aber auch immer wieder die Aha-Momente, die den Nagel auf den Kopf getroffen und den Karren wieder in die Spur gesetzt haben.

Gesprochen haben sie gar nicht, war ja kein Mikro da zum Reinsprechen, weil auch gar niemand für einen Gesang zuständig gewesen wäre, aber für den tosenden Applaus bedanken konnten sie sich dann am Ende auch mit Gesten, sichtlich erschöpft und sichtlich zufrieden. So wie das Publikum. Dass da auch ein Grüppchen schnatternder Italiener dabei war, muss ich glaubich nicht erwähnen.

Die neue Platte hatten sie übrigens doch schon mit, als Doppelplatte im Klappcover, in schwarz und für einen Zehner mehr auch in transparent. Und weitere Platten und Drucke und T-Shirts und Stoffbeutel und Häkelpuppen und Anstecker und CDs. Lange Schlange, also erstmal warten, ich durfte mir sogar noch ein drittes Bierchen gönnen. Dann hatte ich keine Lust mehr und hab ich mich doch schonmal brav in die Schlange gestellt und mir meine Platte abgeholt. Konnte ich ja mit Karte bezahlen. Hab trotzdem nur die schwarze genommen. Ohne Stoffbeutel. Und ohne T-Shirt. Habs ja grad nich so dicke. Und so richtig schick war das alles auch gar nicht.

An einem zweiten Tisch saßen die von der Vorband mit ihren zwei CDs und niemand hat sich interessiert. Hätte vielleicht besser funktioniert, wenn sie mit an den langen Tisch der Italiener gedurft hätten? Aber der war halt schon voll.

Auf den langen Weg zum Ostkreuz hatten wir dann keinen Bock, viel schlechter wird es auf der Brücke zum Treptower Park auch nicht zu laufen sein. Der Blick auf das zugefrorene, beschneite und jetzt wie glasiert aussehende Wasser war dann auch schön, der im Nebel verschwindende Treptower ebenso. In der S-Bahn war Platz, der Späti hatte noch je einen Schokoriegel für uns, und zu Hause schien schon alles zu schlafen, haben die Jugendlichen etwa gar keine Ferien mehr?