Angemalte Fahrradketten

Das Konzert in der Neuen Zukunft war tatsächlich ausverkauft.

Krischan am

Ich hab noch gedacht, das sei ein Marketing-Trick, wobei das ja nicht viel bringen würde, weil dann ja alle denken täten, es gäbe keine Karten mehr, und keine mehr in den Warenkorb legen können und sich vermutlich auch gar nicht mehr auf die Suche machen, ob es woanders noch welche gibt. Aber vor allem hatte ich ein paar Tage vorher gedacht, wir hätten noch gar keine Karten, und als Katharina es nicht gebacken gekriegt hat, sich welche zu klicken, wollte ich das übernehmen, aber nach dem Einloggen bei Eventim hats mir gleich meine gekauften Karten angezeigt, und da waren da schon zwei Faraquet-Karten. Nanu. Schon im Februar gekauft. Warum waren die dann nicht in meinem Handy hinterlegt? Hä? Schlamperei.

Inzwischen wären die Karten übrigens auch schon ein paar Euro teurer gewesen, während bei unseren noch was von Early Bird draufstand. Aber die Hauptfrage blieb noch: wieso ausverkauft? Eine Band mit nur einem richtigen Album von 2000, irgendwann später nochmal eine Compilation der früheren Aufnahmen. Okay, Dischord Records, und personelle Überschneidungen mit Smart Went Crazy und Medications, aber auch die würden doch keinen Laden ausverkaufen, auch nicht so einen kleinen wie die Neue Zukunft? Niemand aus meinem (seinerzeit noch vorhandenen) Freundeskreis kannte die, und im Grunde blieb das ja auch eine etwas merkwürdige Mischung aus Math-Rock und Indie und Retro-Prog oder so. Und ich hab sie auch nur eher zufällig über die Jubiläums-CD-Box des Labels entdeckt.

Waren die Leute also am Ende alle wegen der Vorband da? Painting aus Berlin, deren Promotext eine gruselige, aber vielleicht auch interessante Mischung aus allerlei Stilen und Ambitionen versprach, die sich dann aber als etwas öde Popmusik mit Saxophon und crazy gemeintem Gequietsche entpuppte. Angemalte Gesichter und komische Klamotten und Sachen in den Haaren inklusive. Und eine durchgeplante robomäßige Bewegungseinlage an Stellen, wo Schlagzeuger und zweite Mikrofrau nichts zu tun hatten. Alles viel zu brav. Hätte mir aber auch nicht besser gefallen, wenn ich den reißerischen Text nicht gelesen hätte, oder? Selbstbeschreibung ist es vermutlich nicht, sondern der selbstverliebte Erguss eines Musikjournalisten und/oder Kulturmarketingstudenten.

Die ersten Stücke haben wir uns noch von der Seite aus angehört, ohne Blick auf die Bühne, in die bequemen Kinositze gelümmelt, die da im seitlichen Gang zum Backstage an der Wand gegenüber vom Merchandise-Tisch stehen. Dort hatten wir uns schon die ausliegenden Platten beguckt und uns über fehlende Stoffbeutel und T-Shirts mokiert, und ein Blick in meine Online-Platten-Datenbank verriet mir, dass ich die o.g. orange Compilation mit dem Autobahnkreuz drauf ja noch gar nicht in echt habe, sondern nur in digital. Aber dreißig Euro? Und vorm Konzert schon? Katharina konnte den Gesprächen der Verkäufern mit den Besuchern entnehmen, dass nur noch wenige Exemplare da wären, aber ich hab dafür rausgekriegt, dass es die bei jpc (die einschlägigen Shops kennen die nämlich auch nicht) für fümmunzwanzig Euro gibt. Bei Schallplatten üblicherweise ohne Porto. Und dringend ist das dann ja auch sowieso nicht, oder?

Jedenfalls saßen wir da, weil ich grad noch Reste eines Hexenschusses im Rücken hatte und wir mittags schon einen Spaziergang durch die Sonne am Malchower See und über den Wiesen hinterm Ort hinter uns gebracht hatten, da wollte ich nicht auch noch zwei Stunden am Stück stehen müssen. Dann hammer irgendwann doch mal kurz geguckt, ich hab ihnen sogar ganz gutwillig noch zwei Stücke länger eine dritte und vierte Chance gegeben, aber dann bin ich schließlich doch auch raus an die frische Luft. Schiefer Gesang, exaltisches Juchzen, ungerade Rhythmen und albernes Herumgehüpfe machen die Musik halt nicht zwangsläufig interessant.

Die sommerabendliche Wärme und der frisch verspeiste Falafel haben mir ein zweites Bier aufgenötigt, und als großes Nachdraußenströmen einsetzte, sind wir antizyklisch nach drinnen geströmt, um uns einen Platz weiter vorne zu ergattern. Trotz der vielen nach draußen geströmten Massen immer noch halb voll der Saal, musste ich ganz schön drängeln, um vorne links noch eine Lücke zu finden. Umbau war beizeiten erledigt, und die drei Herren erschienen auf der Bühne. Ältere Herren natürlich, graue Bärte, graue Haare, nur der Drummer mit dem unverschämten Lockenkopf und der Jonathan-Franzen-Gedächtnis-Brille sah noch einigermaßen bubenhaft aus. Das war der, der früher immer am ältesten aussah, oder? Wär fair.

Großer Voraus-Jubel, und bei den wenigen Gesangszeilen tatsächlich Mitsingen. Die waren also wirklich alle wegen der Hauptband da. Irre. Und die Band wirklich gut, auch live ziemlich auf den Punkt, super Sound, hohe Geschwindig- und Genauigkeit, obwohl der Basser ja schon so einen Tennisarm-Druckverband um den linken Unterarm hatte und auch sonst ein wenig gebrechlich wirkte, abwesender Blick, schlackeriges Kinn, krummer Rücken in Richtung Buckel. Der Gitarrist und Sänger und zwischendurch an einen zweiten Bass wechselnde Herr da schon deutlich agiler, während der Drummer in locker-fluffigen Bewegungen über die Drums und Becken wischte und wie nebenbei die zappeligen und ungeraden Rhythmen herausschüttelte. Bei einem Song haben sich Drummer und Gitarrist abgewechselt, der Grund wird ein ewiges Rätsel bleiben. Singen hätte er doch auch am Schlagzeug können?

Hier könnte eigentlich ein Video hin.

Nach einer Dreiviertelstunde war schon Schluss, aber nur vorgeblich, denn nach wenigen Minuten Pause waren sie wieder auf der Bühne und haben noch ein paar Songs gespielt, bei einem kam dann auch die dritte verfügbare Gitarre zum Einsatz, ein großformatiges Brett in ungefährer Rickenbacker-Optik mit vielen Tonabnehmern, Knöpfen und Schaltern. Ob das ein neueres Stück war, das sie da gespielt haben? Es unterschied sich über lange Strecken stilistisch doch deutlich vom Rest, mehr so hippiemäßiges Tönesuchen auf dezentem jazzigem Hintergrund-Rhythmus, also eigentlich das genaue Gegenteil vom sonst so akkurat durchexerzierten Math-Rock. Dann aber doch Breaks und Riffs und Rhythmus-Spielereien. Eventuell war das eine Version des alten Stücks »Review«.

Ja war supi. Trotz dritter Reihe musste man durch etliche hochgehaltene Handys durchgucken und einmal kam auch einer recht ungestüm durch die Massen nach vorne durchgerempelt, aber ansonsten war das Publikum ungewohnt rücksichtsvoll, man fechelte sich gegenseitig Luft zu, rückte zur Seite, wenn man merkte, dass man zu dicht aufeinanderstieß, und nach Fleischfresser roch es auch nicht.

Jetzt hätte ich doch fast vergessen zu erwähnen, dass des Gitarristen holdes Weib an zwei Stellen die Bühne betrat und ganz unprätentiös (wie auch sonst bei diesem Instrument) auf einer Triola spielte, aber immer schon vor Ende des Songs und also vor Erklingen des Applauses schon die Bühne durch den schwarzen Vorhang wieder verließ. Dabei hat er sie immer so voller Freude angekündigt. Was da los? Die nächste Trennung einer Band incoming?

Wir waren dann gar nicht nochmal am Merchandise-Tisch, sondern standen nur draußen und haben uns noch ein Bierchen geteilt. Die Bandmitglieder in der Menge, Danksagungen entgegennehmend. Alle viel kleiner als gedacht, das wird durch so eine Bühne ja immer unzulässig verzerrt dargestellt.

Tief über der Treptower Spree ein schöner gelber Halbmond, in der S-Bahn lauter CSD-Publikum, ein Angeber fleißig am Baggern, aber die Frau im roten Kleid hat ihn dann wohl doch abblitzen lassen, trotz der russischen Floskeln zwischen seinen englischen und deutschen und sonstigen Sprüchen. Oder wegen? Er wollte, wie man dem lautstark geführten Telefongespräch entnehmen konnte, zum Brandenburger Tor. War der CSD in dem Moment nicht schon abgebrochen?