Muttis wilde Herzbuben

Wir waren auf einem Gratis-Konzert. Im coolen Kreuzberg.

Krischan am

Weil nämlich die eine Band von unserm Nachbarn, die wir jetzt schon zweimal um die Ecke aufm Fußweg vorm Café auf der Danziger bei der Fête de la Musique gesehen und gehört und für gar nicht so schlecht befunden haben, zumindest für deutlich besser als die etwas rumpelige Deutschpunkband, in der er auch noch mitspielt, in der einen das Schlagzeug, in der anderen den Bass, weil offenbar kann er alles ein bisschen, da kommen ja auch dauernd Kinder mit Instrumenten die Treppe hoch und runter, und unserem Sohnemann hat er auch mal versucht ein bisschen Gitarre beizubringen, lange isses her, jedenfalls hat dessen Band im Wild at Heart gespielt, dem kleinen und coolen Kreuzberger Rockabilly-und-Punk-Schuppen voller Amerika-Kitsch-Deko, wo ich mir mal bei einem Auftritt immerzu die Rübe gerammelt habe, weil die Bühne so klein und niedrig ist und trotzdem hängt da eine Monitorbox an der Decke, wo soll sie denn sonst hin, weil siehste, wir resp. Tokyo haben da ja auch mal gespielt, noch länger isses her, und ich erinnere mich immer noch halb empört, halb belustigt daran, dass der Barkeeper in eines unserer ewig langsam und leise ansetzenden Song-Intros irgendwas dämliches reingerufen hat nach dem Motto nu legt doch mal los mit der Musik, haut rein Jungs, weil in Wirklichkeit gibt es nur die eine Möglichkeit, Musik zu machen, nämlich schnell und laut und dreckig, was selbstverfreilich ein prima Motto ist, aber eben in der echten Realität nur eines von vielen, du dusseliger Ignorant du.

So. Aber es soll ja jetzt mal gar nicht um mich gehen, sondern um meinen Nachbarn. Und das Wild at Heart, das also schon etwas länger, aber eben erst jetzt von uns und unserm Nachbarn bemerkt unter dem Motto Discover Newcomer Bands for Free! eine Veranstaltungsreihe namens Wild Wednesday etabliert hat, zu der man, ihr ahnt es schon, jeden Mittwoch kommen und sich für umme eine junge unbekannte und noch nicht um Gage bettelnde Band angucken und anhören kann, weil haben ja quasi alle was davon, die Band bekommt einen Auftritt in einem angesagten Club, der Club bekommt möglicherweise ein paar Gäste mehr, die sich fleißig mit frisch gezapften Getränken eindecken, die Nachbarn und/oder Freunde und/oder Eltern der Bandmitglieder zum Beispiel, win-win eben. Fein fein.

Eigentlich wollte ich ja gar nicht mit, am nächsten Tag war ja wieder Gerichtstermin und da will ich gern ausgeschlafen sein und meine Ohren müssen auch funktionieren, aber Katharina hat so süß geguckt, da bin ich halt doch mitgezuckelt, man will ja nicht den ganzen Tag ein griesgrämiger Miesepeter sein, und außerdem gehts am Gericht ja erst um zehn los und die eine Band wird ja nicht sooo lange spielen, dat geht schon, gib dirn Ruck. Kreuzberg wie immer eine kleine Zeitreise für jemanden, der im eingeschlafenen Spießer-Prenzlberg wohnt und sich nur noch in der Erinnerung an die coolen Zeiten von Alternativkultur und Szenekneipen und Straßenleben erinnern kann, jaja, man könnte wehmütig werden, oder eben einfach öfter ein bisschen weitere Wege machen zum abendlichen Ausgehen. Hat hier jemand abendliches Ausgehen gesagt? Hahaha, nein.

Wir haben den Nachbarn begrüßt, kurz geschnackt, uns eine Cola und ein Bierchen geordert und in Ruhe die o.g. Deko beguckt und dann gings auch schon bald los. Waren sogar ein paar mehr Leute da als ich gedacht hätte, aber der kleine Raum ist ja auch schnell gefüllt, wenn man sich nicht allzu dicht auf die Pelle rückt, und bei drei Bandmitgliedern und ihren Mitgeschleppten ist man ja schon bei zwölf, also bitte schön. Ältere Männer mit Mantel und Hut oder ausgebeulten Rucksäcken wahrscheinlich Ladeninventar, zumindest benahmen sie sich ein bisschen so, als wären sie da zu Hause. Zwei später durchaus wild herumhampelnde Langhaarige konnte ich nicht zuordnen, die wollten wahrscheinlich einfach Party haben und hätten auch jede andere Gelegenheit oder Band oder was auch immer zum willkommenen Anlass genommen, so soll das sein, und angerempelt haben sie ja merkwürdigerweise auch niemanden. Die vielen Fotografen, oder warens nur zwei, sie tauchten jedenfalls ständig an allen Ecken und Seiten und Enden auf und hielten ihre Kameras in die Luft oder knapp über den Boden oder schräg an die Wand und schossen Fotos der Band, der eine hat auch mal ein Stück gefilmt glaube ich, sowas hatten wir ja auch ab und zu bestellt und mit, war da nicht grad was mit zwei Videokameras beim Auftritt bei der BRN? Jaja.

Ach nein, es geht nicht um mich, sondern um den Nachbarn. Mann eh. Also die Musik. Schwierig zu beschreiben. Ich hol mal ein paar Schubladen raus. Netter Indie oder Post-Punk mit brummelndem Bass und erfreulich wenig Gitarre, die nur ab und zu die Akzente setzt, einzelne Töne mit Hall und Fuzz, im Refrain auch mal Akkorde, zwischendurch auch mal ganz still, dazu der immerzu um eine Tonlage herumeiernder Gesang des Bassisten, der einen kleinen englischen Einschlag hat, so dass ich immer nicht so recht weiß, an welche Band genau mich das eigentlich erinnert, mir fallen bloß frühe Interpol oder ganz frühe The Ex oder die Wipers ein. Gabs da nicht so eine Band in den Nullern, die Lars so mochte? Nicht Franz Ferdinand, die anderen? Das Schlagzeug ist über weite Strecken leider ein bisschen zu langweilig, immer nur so Eins-zwei ist für sonst so schicken Indie in meinen Ohren jedenfalls deutlich zu wenig, und wenn mal Breaks kommen, dann immer nur so geradeause Standard-Wirbel. Aber das ist ja bei den Wipers zum Beispiel eher noch schlimmer. Und wenn man den Punk-Ursprung der Musik weiter in den Vordergrund stellen will, ist das ja auch okay, werden wieder bloß meine übersteigerten Erwartungshaltungen sein. Hab manchmal überlegt, ob ein viertes Instrument etwas verbessern würde, ein zweiter Bass vielleicht? Neenee.

Viele Pedale, sowohl beim Bass, der da aber kaum was an- und austreten musste, die Dinger waren nur für den Sound zuständig, und der blieb im wesentlichen die ganze Zeit über gleich, als auch beim Gitarristen, der an seinen Pedalen hingegen immer wieder herumdrehen und justieren musste, um den jeweils benötigten Klang einzustellen, so groß waren die Unterschiede jetzt in meinen Ohren nicht, aber wat mutt dat mutt, wie wir Fachleute da sagen. Der Nachbar am Schlagzeug hatte auch ein Mikro, weil ab und zu zweite Stimme, und das nutzte er zwischendurch immer als Unterhalter mit kleinen halb- und selbstironischen Einwürfen, um für Stimmung zu sorgen, aber die war ohnehin gut, die Band konnte halt nur im Scheinwerferlicht nicht viel davon sehen, also haben wir auf die Aufforderung hin ein bisschen mehr applaudiert, damit sie was hören. Hammse sich gefreut. Und war ja auch gut. Auf Dauer immer wieder dasselbe, vor allem der Gesang dann doch ein bisschen eintönig, aber der Rest hatte durchaus seine Abwechslung, was flottes, was lautes, was funkiges, was punkiges. Hatte ich erwähnt, dass sie Mutris heißen? Haben sie erklärt, was es mit dem Namen auf sich hat? Kann mich nicht erinnern.

Nach einer reichlichen Stunde wars vorbei, da haben sie wohl ihr gesamtes Repertoire verbraucht, eine kurze Zugabe war aber noch drin. Ich bin ja erst recht spät von meiner Sitzecke aufgestanden, in der ich es mir gemütlich gemacht hatte, nämlich als mich einer antippte und sich erbat, ich möge ihm doch den Platz freihalten, während er aufs Klo ginge, das fand ich so absurd, dass ich das gern zum Anlass nahm, mich endlich mal ganz nach vorn in die Mitte zu stellen, wo meine Olle sich schon ganz am Anfang hinplatziert hatte, obwohl ich das für mich immer unpassend finde, weil ich ja doch ein Stück größer bin als die Allgemeinheit, die dann hinter mir nix mehr sieht und zurecht anfängt zu maulen, nee das nicht, das trauen sie sich nicht, weil ich ja so groß bin, aber nicht jeder will ja in der erste Reihe stehen, in der tatsächlich noch Platz gewesen wäre, wir waren eher Reihe drei, aber jedenfalls stelle ich mich eigentlich lieber mehr an den Rand, bloß nun wars ja nicht mehr zu ändern und ich wollte ja auch neben meine Olle, noch bisschen Kopp wackeln und Knie wippen.

Wildes Kreuzberg dann aber mittwochs halb elf eher nicht so wild. Noch nicht vielleicht. Soll ich nachträglich noch beichten, dass ich für die Hin- und Rückfahrt mein abgelaufenes Deutschlandticket benutzt habe? Hatte ich ganz vergessen, dass ich das ja für Ende August wieder abbestellt hatte. Und sieht man der Plastekarte ja auch nicht an.