Körper/Kopf

Ideal unter der U-Bahn

Krischan am

Was bin ich alter Sack müde heute. Gestern war ich schon wieder auf einem Konzert: Kim Gordon und Bill Nace heißen zusammen Text/HTML Body/Head und waren gestern im Bi Nuu, das ich dann doch im Bahnhofsgebäude des U-Bahnhofs Schlesisches Tor gefunden habe. Kurz nach acht war ich schon da, weil ja heutzutage alles so pünktlich losgeht, aber diesmal war ich offenbar der erste zahlende Gast, der Rest der Hanseln sah aus wie zum Inventar gehörend: Techniker, Getränkedealer, Garderobenfrauen.

Der Club ist mir noch ganz neu, eher klein, spärlich rot und blau beleuchtet und eigenartig verwinkelt. Geometrische Fragmente an den Wänden. Das Klo findet man auf der halben Treppe, weiter oben sind noch Lümmelräume, als Sitzgelegenheiten gibt es ein paar Kinoklappstühle, das kleine Bier (naja: Astra oder Carlsberg) kostet drei Euro.

Vorfrau war eine Islaja aus Finnland, die im Netz überall mit dem Begriff Folk in Verbindung gebracht wird, gestern abend aber nur an den Knöppchen ihres Synthesizers gedreht hat. Das Ergebnis war irgendwas zwischen Siouxsie and the Banshees und Air, nur schlechter. Da sie direkt vor der Bühne aufgetreten ist und ich zu faul war, mich von hinten durch die kurz vor Beginn zahlreicher gewordene Menge zu bugsieren, konnte ich nicht viel von ihr sehen, vielleicht war ihre Performance ja interessant, man guckt ja gern zu, wie Musik entsteht, aber rein akustisch wars öde. Schade. Denn eine schöne Stimme hat sie und ein paar der Sounds waren wirklich cool. Wahrscheinlich sollte sie einfach nicht ganz allein auftreten.

Dann aber: die Lautstärke macht alles wieder gut. Auf Platte bzw. von der Festplatte weiß man ja nicht so recht, ob das jetzt wirklich was fetziges ist, das mit dem fast rhythmusfreien Gedröhne und Gestöhne. Aber in Original-Lautstärke: geil! Drei Fender-Verstärker, davor eine alte Frau und ein Mann an zwei Gitarren und einem Mikro, dahinter ein ultralangsamer Zeitlupenfilm von Richard Kern, der irgendwas mit Fotograf und Model und Abhängigkeiten erzählt, kerntypisch sexuell aufgeladen, ohne dass man so richtig weiß, wodurch eigentlich. Im Hintergrund sind Klecks-Schrift-Bilder von Kim Gordon zu sehen. Und im Ohr das herrliche Dröhnen übersteuerter und verzerrter Gitarrenwände.

»The Show Is Over« war übrigens die erste gesungene Zeile. Im Netz herumfliegende Interviews verraten einem, dass das meiste an Musik und Text improvisiert ist. Ein paar Phrasen und Fragmente stehen fest – einige Stellen kamen mir auch bekannt vor –, der Rest entwickelt sich. Pausen zwischen den Stücken gab es kaum, neben mir wurde zeitweise eifrig diskutiert, was ich durch den Krach aber nicht hören musste, und später wurden auch noch Joints herumgereicht. Dett is Ballien.

Nach einer knappen Stunde und einem kurzen Gruß war auch schon wieder Schluss mit lustig, Unterhaltungsmusik wurde an- und der Projektor ausgeschaltet. Der Applaus verebbte ungehört, und ich bin wieder losgeseppelt. Zur Belohnung hab ich auch noch einen nächtlichen Döner gekriegt, sowas gabs schon lange nicht mehr, und erstaunlich lecker wars auch noch.

JOpa am 16. November 2013

Soso. Lautstärke sollte eigentlich kein Argument sein, oder verstehe ich da was nicht … Wäre für mich, als ob ein Döner gefärbt werden müsste, damit er schmecke.
Vielleicht werd ich ja alt – oder älter, Alter?
JoPa

Krischan am 16. November 2013

Lautstärke ist bei Rockmusik (oder wie hier bei einer künstlerischen Bearbeitung von Rockmusikelementen) schon ein gewichtiges Argument. Wie beim Unterschied zwischen Gemälden mit echtem Farbauftrag in Originalgröße und verkleinerten Reproduktionen in gedruckten Bildbänden: die Wirkung ist eine andere, auch wenn auf beiden alles zu sehen und erkennen ist.

Krischan am 16. November 2013

Oder wie mit einem heißen und einem kalten Döner: die schmecken natürlich unterschiedlich.