Auge, roter Bruder

Wir waren aufm Konzert, diesmal im Metropol.

Krischan am

Man kann ja auch mal zu einer Band gehen, die man gar nicht so genau kennt, nur so vom Namen her und ein bisschen von diversen Nebenprojekten mit zum Beispiel Jello Biafra und nur so allgemein als Nenngröße an der Schnittstelle leicht unterschiedlicher Subgenres der Rockmusik und eben als seit Jahrzehnten nicht wegzudenkender Einfluss für viele andere Bands, die man so mag: ich spreche von den Melvins. Kennste? Klar, kennste. Wenigstens vom Namen her usw.

Hatte ich jedenfalls auch schon ewig auf der Interessiert-Liste, konnte mich aber nicht so recht entschließen, wieder mal reingehört und im Ergebnis weiter unentschieden geblieben, ja, viele schöne Sachen dabei, aber immer auch ein bisschen dings, zwischen den Stühlen, zu viel das eine, zu wenig das andere oder so, aber dann hab ich mich letztens doch entschlossen, mal hinzugehen, wenigstens einmal muss man die ja doch mal gesehen haben, vor allem freilich den albernen weißen Wuschelkopp, und Katharina konnte ich sogar auch noch überreden mitzukommen, ich hab sie einfach eingeladen, Ticketpreis ja eigentlich wieder ein paar Euronen zu viel und damit knapp über der Schmerzgrenze von vierzig, aber he, so is das heute ebent.

Geplant und angekündigt war das Konzert fürs Huxleys, das mag ich ja eigentlich nicht so, aber vor zwei Wochen kam dann die Info, das Konzert wäre ins Metropol am Nollendorfplatz verlegt worden, paar Gehminuten hinter meinem Büro das Ding mit der schicken Fassade, das ist ja jetzt wieder in Benutzung, da wollte ich doch eh mal reingucken. Und als Vorband war Redd Kross angekündigt, die kenne ich ja auch nur vom Namen her und weil sie im Sonic-Youth-Kosmos immer mal wieder auftauchen, zwei langhaarige Brüder mit einer komischen Rockband, mal gucken und horchen, was die heute so machen.

Der Routenplaner des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg hat mich ja erst zu einem Hostel namens Metropol lotsen wollen, aber dem Prank bin ich nicht aufgesessen, sondern hab einfach Nollendorfplatz als Ziel präzisiert, und tatsächlich war das Geruckel und Gezuckel mit der altehrwürdigen U2 das schnellste Hinkommen, der Umweg mit S-Bahn zum Zoo und folgendem Umstieg in eine der U-Bahnen macht es nur umständlicher, und wer mal am Zoo von der S- in die U-Bahn umgestiegen ist, der weiß auch, wie schnell das geht. Na macht ja jedenfalls nüscht, so oft bin ich ja nicht mehr unterwegs zum Büro, dass es mich dann gleich unangenehm anfässt, wenn ich abends nochmal dieselbe Route mit anderem Ziel fahren muss.

Vor dem Laden und genaugenommen schon beim Aussteigen aus der U-Bahn dezentes Gewusel von lauter Dunkelgekleideten, erwartungsgemäß aber auch nach zehn Minuten warten und stehen und gucken keine bekannten Nasen, die anderen hatten sich ja neulich wirklich nicht so geäußert, als sei heute mit ihnen zu rechnen. Also rein, marschmarsch. Die neue Version meiner PDF-Anzeige-App hat wieder rumgezuckt mit dem Seitenwechsel des zweiseitigen Tickets für zwei, und auch der Mann vom Einlass hatte nicht die richtige Idee zum Blättern, aber am Ende hats natürlich doch geklappt und wir durften rein. Schicker altmodischer Laden mit Kronleuchtern und Wendeltreppen und zwei Rängen, war ja früher mal ein Theater, Piscator-Bühne und so. Deswegen wohl auch die frechen Preise an der Bar, vierfuffzich für ein kleines nulldreier Bierchen, auch noch fade schmeckendes Krombacher, dazu zwei Euro Pfand für den Plastebecher, in den das Zeug dann von kundiger Hand umgefüllt wurde, herrje, dann also kein Besäufnis, warum auch nicht, sind wir nicht eigentlich wegen der Musik hergekommen? Genau.

Wir haben dann erstmal den Saal erkundet, die Wendeltreppe in die nächste Etage, einen Blick vom ersten Rang geworfen, schau mal, da hängt sogar eine Videowand über dem Proszenium, damit man auch von weiter oben sehen kann, was auf der Bühne abgeht. Die vielen Säulen verhindern an fast allen Stellen des Ranges einen freien Blick auf die gesamte Bühne, und auch die Videowand verschwindet im Zweifelsfall hinter den Kronleuchtern, das ist ja witzig. Eine weitere Treppe führte in den nächsten Rang, aber an der offenen Tür hing ein Zettel, der Zugang wäre nur für Staff erlaubt, der Security-Mann auf dem Treppenabsatz dahinter gestand uns aber ein, heute wäre für alle offen, also sind wir auch diese Treppe noch hochgestapft, die Personaldecke tatsächlich viel niedriger als in Treppenhäusern von Theatern üblich.

Einen ersten Teil des Auftritts der Vorband haben wir uns dann von hier oben angesehen: vier Herren in weißen, mit bunten Farben beklecksten Hemden und Hosen, die Gitarristen und der Drummer mit kurzen oder abben Haaren, der Gitarrist dafür mit hüftlangen, und alle mit Instrumenten ohne Kabel, das macht das Gepose mit Sicherheit einfacher, und dem wurde schließlich viel Raum eingeräumt, insbesondere der Bassist hat sich von einer Pose in die andere geworfen, dass einem ganz blümerant wurde. Was mich zu der Frage veranlasste, ob der komische Rock, den sie da fabriziert haben, irgendwie ironisch gemeint sei, oder was das da sonst darstellen sollte. Werden die nicht immer als Alternative-Rock-Band einsortiert? Musikalisch macht das keinen Sinn. Aber für eine schenkelklopferige Gniedelrock-Parodie war das Gekasper dann auch wieder nicht dämlich genug. Und auch die offensichtliche Vorliebe für komisch geformte Gitarren konnte da nicht viel zurecht rücken.

Jedenfalls sind wir dann runtergegangen, mal gucken, ob wir in dem Barraum in der ersten Etage jetzt Platz hätten für ein gemütliches zweites Getränk, aber nee, der Raum dort war gar keine weitere Bar, sondern der Raucherraum, in den jetzt viel Volks strömte, also doch wieder nach unten, wo wir aber wirklich noch einen Platz auf den gepolsterten Randbänken gefunden haben. Die Boxen in der Ecke übertrugen das Konzert in gemäßigter Lautstärke bis hierher, na herrlich. Aber Leute gucken war auch schön. Was gibt es nicht für Gestalten. Jung und alt, Mann und Frau, cool und deppert, sympathisch und naja. Und die meisten stellen sich ordentlich an und manche eben nicht. Bis die Rot-Kreuz-Band dann fertig war, hat es insgesamt eine Stunde gebraucht, die Setlisten, die man von oben sehen konnte, waren ja auch erstaunlich lang für eine Vorband. Aber weißte was, da gab es ja auch personelle Überschneidungen mit der Hauptband, der Basser und der Schlagzeuger gehören nämlich jetzt zu beiden. Wobei, eigentlich wäre das ja eher ein Grund, den Auftritt der Vorband erst recht möglichst kurz zu halten. Na was weiß ich.

Wir sind dann jedenfalls beizeiten raus in den Saal, mal gucken, wo man in dem Gewühl noch einen Platz findet, am Rand ein Stück weiter vorne? Oder doch nochmal ein oder zwei Etagen nach oben? Wir sind einfach dort geblieben, wo wir grad standen, und pö-a-pö haben wir uns dann auch zurechtschieben können auf einen Platz mit fast störungsfreier Sicht an den Säulen vorbei auf die Bühne. Hat aber vorher eine ganze Weile gedauert, bis sie auf die Bühne gekommen sind, offenbar gabs noch technische Probleme mit den Monitoren neben dem rechten Schlagzeug, aber dann erschienen sie schließlich in ihren albernen Klamotten: Wuschelkopp in einem schwarzen Bade- oder Morgenmantel mit großen Glitzeraugen drauf, die Schulterpartie ein einziger Goldglanz, der alberne Bassist jetzt in einem weißen Anzug, der ebenfalls von oben bis unten mit großen Glitzeraugen bedeckt war und noch diverse Neonkanten aufwies. Den linke Drummer konnte ich von meiner Position aus nicht sehen, aber der rechte hatte, wenn ich mich recht erinnere, auch ein paar Augen auf dem T-Shirt. Und schwarze Militär-Streifen unter dem Auge sowie diese komischen fingerlosen Handschuhe an, die manche Drummer immer so gern tragen.

Ja, zwei Drummer, das ist irgendwie der Witz bei den Melvins, obwohl die ja im Grunde die ganze Zeit dasselbe spielen, außer in den theatralischen Passagen, wo sie sich solomäßig abwechseln und einen auf dicke Hose machen, wie irre und/oder raffiniert und/oder supergenau sie da auf ihre Felle und Bleche hämmern können. Musikalisch aber auf jeden Fall um etliche Längen besser als die dämliche Vorband. Fette Riffs, coole Rhythmen, Krach und Krawall. Der Gitarrist mit einer transparenten Plexiglas-Gitarre mit Aluminium-Hals, der Basser wieder mit seinem weißen Thunderbird-Bass, zwischendurch merkwürdige Effekte benutzend, die das Ding wie eine schweinemäßige Orgel klingen lassen, so dass man leider konstatieren musste, dass er sein Handwerk wirklich beherrscht. Aber das Gepose! Wobei, in dem Kontext mit der albern herumwackelnden Wuscheloma an der Gitarre hatte das schon eher was witziges. Zumal es ja doch immer etwas unbedarft und uneigentlich nur so als ob rüberkam.

Hier könnte eigentlich ein Video hin.

Das Publikum jedenfalls aus dem Häuschen, inzwischen war die Bude auch gerammelt voll, zum nicht ganz eindeutig zu verortenden und ja auch immer wieder leicht wechselnden Stil der Band passend aus verschiedenen Szenen stammend, im wesentlichen aber älteren Kalibers, wir waren weder die jüngsten noch die ältesten, und das eine war offensichtlich ein Eltern-Sohn-Gespann. Band-T-Shirts noch und nöcher, Metal, Punk, Hardcore, Oldie-Rock, dies und jenes dazwischen und außerhalb, alles dabei, karierte Hemden sah man auch. Hab ich Pärchen erwähnt? Ab und zu wurden Leute über die Köpfe weitergereicht, die dann von den Security-Leuten, die da in dem Bereich zwischen Bühne und Absperrung unterwegs waren, ohne weitere Rüffel entgegengenommen und zum normalen Publikumsbereich zurückgeleitet wurden, auf dass es von vorne losgehe. Bei den schnelleren Sachen eine wogende Masse in der Mitte, bei den schwereren Sludge-Songs in die Luft gereckte Arme und nickende Köpfe. Auch fliegende Haare gabs, mein Ellenbogen hat mit solchen Bekanntschaft geschlossen, und ein Herr schräg vor uns war zeitweise gar nicht erquickt darüber, auf diese unhygienische Art so ineffektiv massiert zu werden. Aber watt willste machen? Zum Beispiel nach vorne drängeln, wenn die Person vor einem stetig weiter nach hinten in einen hinein rutscht, obwohl vor ihr doch hinreichend Platz ist; so hab ich das dann irgendwann gemacht und stand daraufhin wieder neben meiner Holden, soll der halbhohe Zauselkopp doch sehen, ob er jetzt mehr sieht, wenn er hinter mir noch weiter nach hinten rutscht.

Nach anderthalb Stunden war Pumpe, von mir aus hätte das aber ruhig auch schon etwas eher passieren können, denn im Grunde, ehrlich gesagt, mal unter uns: allzu viel Abwechslung ist da nicht. Schon geil das alles, aber eben immer wieder dasselbe. Drei verschiedene Songs, sagen wir mal: der schnellere aus der Hardcore-Punk-Phase, der merkwürdig strukturierte und schräge aus der Noise-Ecke, und der schwere, langsame aus dem Sludge-Bereich. Schon prima, super gemacht, und ich werd mir wohl auch gleich mal noch eine der vielen Platten in den Warenkorb legen, aber so der richtige Fan werd ich wohl auch in Zukunft nicht werden. Wär ja auch schön doof, da jetzt noch die ganze ellenlange Diskografie ankaufen zu müssen.

Nach dem Konzert nach draußen kommen, das war hier gar nicht so einfach, zum einen war nur eine der beiden Treppen in das Erdgeschoss frei, die andere wurde von Sanitätern blockiert, aus welchen Gründen auch immer, und zum anderen waren die Gänge und Türen auf dem weiteren Weg nicht allzu breit, von im Weg stehenden Deppen gar nicht zu reden. Und dann standen die schon nach draußen gelangten Leute natürlich direkt vor dem Haus auf dem Fußweg herum, als gäbe es nach, hinter und außer ihnen niemanden mehr. So sindse ja immer, die Leute. Die Leude. Jaja. Sag ich auch immer.

Ein schönes Bierchen und einen halben Schokoriegel aus dem Späti gegenüber gabs noch, bevor wir ins Bett mussten, schön draußen auf der Bank vorm Haus. Auch schön.