Norwegische Odyssee an der Spree

Wer so lange spielt wie Motorpsycho, braucht keine Vorband.

Krischan am 20. Oktober 2019

Wann hab ich denn eigentlich Motorpsycho zuletzt live gesehen? Auf jeden Fall war ich in Leipzig bei einem der Konzerte, die dann auf der ersten Roadworks-Platte gelandet sind – damit hab ich ja schon an der einen oder anderen Stelle angegeben –, und vermutlich hab ich sie auch früher und/oder später noch ein- oder zweimal gesehen, Katharina spricht von einem Gig im Dresdner Starclub, aber das ist ja alles mehr als zwanzig Jahre her, oder? Irgendwann in den letzten Jahren haben sie auch in Berlin gespielt, aber das war in der Zeit, als ich sie grad nicht so doll fand, da bin ich dann in voller Absicht nicht hingegangen, neuerdings sind sie jedoch wieder fast sowas wie meine Lieblingsband, also hab ich mir im Frühjahr gleich das Ticket zusammengeklickt, als rauskam, dass sie mal wieder hier vorbeikommen. Und für Katharina auch eins.

Diese Woche Donnerstag wars nun soweit, die Kinder sind immer noch alt genug, um ein paar Stunden alleine auszuhalten, also sind wir beide nach dem Abendbrot aufgebrochen, ich musste mir nur noch schnell ein anderes Hemd anziehen, um meiner Frau nicht peinlich zu sein. Die Bahn fuhr nur bis zur Landsberger, dann mit dem Ersatz-Bus weiter bis zur Warschauer, und von dort aus wie üblich zu Fuß über die Pisse-Brücke nach Kreuzberg und am Lido vorbei bis über die Schleusenbrücke, wo an der Tanke schon lauter schwarzgekleidete vorglühten und sich auf dem Arena-Areal neben allerlei anderen Locations auch der neue Festsaal Kreuzberg befindet. In dem ich ja noch gar nicht war, dabei ist der schon seit reichlich zwei Jahren dort. Neurosis sollte ja ursprünglich dort auftreten, wurden dann aber nach Neukölln verlegt.

Genaugenommen liegt der Club ja schon in Treptow, aber das stört ja keinen. Das ganze ist eine alte Industriehalle, was sonst, und über verwinkelte Wege durch rumsitzende Biergartenbesucher kam man auch rein. Drinnen roch es verbrannt, es flackerte auch tatsächlich ein Holzfeuer unter einem riesigen Abzug, die Garderobe kostete zwei Euro, und zwar für jede Person einzeln.

Am Merchandise-Stand wickelte gerade einer eine Bestellung über eine dreistellige Summe ab. Das meiste hab ich ja schon, dachte ich erst, und das andere ist so Aufnäher- und Aufkleber-Zeugs, das brauch ich nicht, und die T-Shirts waren auch nicht so schick, als dass Katharina welche mochte, nur das eine, aber das gab es nur in Kindergrößen. Dann hab ich am anderen Ende des Stands die eine Doppel-Single entdeckt, die ich demnächst im Internet für dreißig oder mehr Euro kaufen wollte, hier kostete sie aber nur fuffzn. Das andere mir unbekannte schien nur ein großes Heft zu sein, es stand auch was von Katalog drauf, für vierzig Euro, herrje, der Käufer hat sein Exemplar gerade eingesackt. Aber die Single, und vielleicht noch so einen Stoffbeutel für Katharina … das verschieben wir lieber auf hinterher, man will ja nicht die ganze Zeit mit den guten Stücken in der Masse stehen und geschubst und mit Bier übergossen werden, und ganz ausverkauft sein wird es auch nicht gleich.

Im Saal waren schon ein paar Leute, es war nicht allzu voll, aber auch nicht leer, in allen Ecken kleine Podeste und Sitzgruppen, auf der Empore mehrere Stufen mit Geländer, es verteilt sich also, und draußen waren ja auch noch Leute. Altersmäßig und vom Erscheinungsbild her erwartungsgemäß gemischt. Der Saal selber ein bisschen verunglückt in seiner Mischung aus Industriecharme mit Sägezahndach und den goldbefransten roten Vorhängen.

Mit dem zweiten Bierchen bewaffnet haben wir uns dann schon mal nach vorne an die Bühne rangeschoben, um uns herum lauter plappernde und aufgekratzte Spanier, die sich beim genauen Hinhören dann aber doch als Italiener entpuppten, ich dachte schon, es wird wieder so verrückt wie in Madrid. Und nicht allzu lange nach achte ging es auch schon los, die zwei langhaarigen Norweger erschienen, dazu der neue jungsche Schlagzeuger mit Basecap und ein verstrubbelter Keyboarder, der mir bekannt vorkam, aber nicht Ståle Storløkken war.

Erstmal drei vier ordentlich rockige Stücke aus den letzten Jahren, dann auf einmal drei recht betuliche auf der akustischen Gitarre. Schöne Idee, aber dass Snah nicht singen kann, bemerkt man dann doch etwas deutlicher. Dann wieder lauter, beziehungsweise die schöne bandtypische Mischung aus viel Laut und ab und zu ein bisschen Leise, das ganze gerne ausgewalzt und durchimprovisiert auf Viertelstundenlänge, na klar. »Spin, Spin, Spin« wurde mit dem alten Gassenhauer »Hogwash« vermischt, und überhaupt gab es aus nahezu jeder Bandphase ein Lied, altes und neues, rockiges und psychedelisches, alles dabei. Der Sound war stellenweise nicht so doll, mal war die Gitarre zu leise, mal der verzerrte Bass viel zu knarzig, und vom Keyboard war über weite Strecken fast gar nix zu hören. Dafür ist mir aufgefallen, wie verdammt exakt Bent Sæther am Bass ist, sein Zusammenspiel mit dem Drummer klang stellenweise schon fast wie aus dem Computer. Für die Lichtshow, die vor allem mit Blendeffekten von hinter der Bühne in Richtung Publikum gespielt hat, haben sie offenbar eigens jemanden mitgebracht, so punktgenau und in die Dramaturgie der Songs passend war sie eingesetzt.

Soll ich was zu den klatschenden Italienern sagen? Bent hat sie aber auch fleißig animiert. Aber an einer Stelle hats auch super gepasst: bei »Hey, Jane«. An vielen anderen Stellen war das rhythmische Klatschen aber nur dämlich. Dass sie beim hopsen und jubeln aber genauso eifrig waren und überhaupt so herrlich hingerissen, entschuldigt eigentlich alles. Die sind der Band offenbar über mehrere Konzerte hinweg hinterhergefahren.

Hier sollte eigentlich ein Video zu sehen sein.

Nach einer Zugabe war dann aber gegen elwe Schluss. Zweieinhalb Stunden sind ja auch kein Pappenstiel. Aber das eine oder andere Lied hätten sie schon noch auf Lager gehabt. Während ich bei der Getränkerückgabe war, hab ich mir von Katharina die Single kaufen lassen, von der ich dann zu Hause bemerkt habe, dass es leider gar nicht die Ausgabe in gelbem Vinyl ist, die ich mir erhofft hatte. Für Katharina und auch den Transport meiner Single gab es einen Stoffbeutel mit dem auf drei Zeilen umgebrochenen Bandnamen in der typischen Logoschrift, aber in grobem Pinselstrich.

(Die Platte mit dem Heft, die es wie die Single eigentlich nur auf der Tour zu kaufen gibt, hatte ich ja nicht als solche erkannt, und das mitgebrachte Geld hätte ja auch gar nicht mehr gereicht. Die habe ich mir vorgestern abend noch im Internet bestellt, mit Versand natürlich teurer, aber Katharina kriegt dann einfach noch ein T-Shirt mit so einer abstrahierten Fledermaus von der »Here Be Monsters«-Platte dazu, das es beim Konzert nicht gab.)

Vor der Rückkehr auf die nördliche Spreeseite noch ein Späti-Bierchen im Sitzen und Quatschen vorm Musik und Frieden, dann über die Brücke und zurück in den verschnarchten Prenzlberg, an der Ecke Danziger/Greifswalder noch einen Börek ordern und im Laufen schon mampfen. Zu Hause alles tippitoppi. Gute Nacht.

Krischan am 21. Oktober 2019:

Das zweite Bild im Slider weiter unten zeigt nicht nur die Band von der Seite, sondern sehr prominent fast in der Mitte des Bildes auch mich und meine Holde.

Krischan am 21. Oktober 2019:

Wahrscheinlich hätten sie sogar wirklich eine halbe Stunde länger gespielt, wenn sie nicht mit »fever and snot and fatigue« zu kämpfen gehabt hätten, kann man an anderer Stelle lesen.

Krischan am 13. November 2019:

Für ein Konzert von Thurston Moore an derselben Stelle hatte ich mir übrigens auch ein Ticket zurechtgeklickt, dann aber leider verfallen lassen müssen, weil ich mit Ach und Weh und Ziepezeh im Bette lag. So ein Scheiß.