Auf welchem Weg ich neulich zu der hübsch benamsten Band Backengrillen gestoßen bin, weiß ich gar nicht mehr, sie haben ihr erstes Album jedenfalls schon im Spätherbst des letzten Jahres der wohlmeinenden Öffentlichkeit vor die Füße geworfen, und bemerkt hat die das vermutlich nicht nur wegen dieses Bandnamens, sondern vor allem weil sich dahinter die merkwürdige Kollaboration der schwedischen Hardcore-Band Refused einerseits und dem freejazzenden Saxophon-Knarzer Mats Gustafsson aus ebenfalls Schweden andererseits verbirgt. Die ersten kenne ich nur vom Namen her, den zweiten von diversen gemeinsamen Projekten mit Sonic Youth oder (viel öfter) mit deren Gitarrist und Sänger Thurston Moore. Und bei Zu hat er auch schonmal mitgeknarzt. Jedenfalls war ich neugierig und hab dann mal in das online verfügbare Zeugs reingehört und das für ziemlich sehr gut befunden und mich also gefreut, als ich mitkriegte, dass die demnächst mal für ein Konzert in Berlin vorbeischauen kommen wollen. Logisch, oder?
Erst am Nachmittag vor dem Konzert habe ich nochmal nachrecherchiert, was das denn kosten soll, und bin dabei über die angekündigte Vorband mit dem ebenfalls wohlklingenden Namen Stinking Lizaveta gestolpert, die laut Internet nach einer Figur aus den Brüdern Karamasow heißt, was ich jetzt nicht auswendig gewusst hätte, weil das inzwischen ja doch schon ein paar Jahrzehnte her ist, dass ich das Buch mit viel Begeisterung gelesen habe. Würde es ja gern mal wieder lesen, aber ich habs nicht im Regal stehen und in keiner der Bibliotheken in Laufweite gibt es das auszuleihen. Was da los?
Jedenfalls war ich mir noch unsicher, ob ich da unbedingt hinwöllen täte, aber nachdem mir die Tage die nächste Absage auf eine Bewerbung sowie die nachhaltige Verunreinigung des neu verlegten Badfußbodens durch eins meiner nachlässigen Kinder die Laune verdorben hatte, hielt ich es für eine gute Idee, mich einfach mal wieder ordentlich durchrocken zu lassen. Zumal wir neulich erst das Konzert von Quicksand verpasst hatten, weil Juri am selben Tag seinen Abiball hatte. Und mit finsterer Miene und dem Versprechen des Einladens konnte ich Katharina schließlich auch überreden mitzukommen. Simmer gleich nach dem zu Emmas Zeugnisausgabe fälligen Burger-Abendbrot losgezuckelt. Sagt man noch so?
Die Tische vor der Neuen Zukunft dicht gefüllt mit Volk, das konnte man schon von der S-Bahn aus sehen, die da in Höhe des zweiten oder dritten Stockes direkt dran vorbeigondelt, der Pizza-Slider hatte zu tun, das vergnügungssüchtige Publikum mit angekokelten Teigfladen zu versorgen, wollten die etwa alle zum Konzert? Dann ist vielleicht doch schon ausverkauft. Nee, aber Kacke, der Eintritt war nochmal fünf Euro teurer als am Tag vorher recherchiert und inzwischen natürlich nicht mehr online abzuwickeln, aber auf den Zehner konnte es ja nun auch nicht mehr ankommen, und der Einlasser argumentierte auch nochmal fleißig, dass man die Band ja so vermutlich nicht nochmal zu Gesicht bekäme. Welche der beiden? Und woraus schließen wir das?
Drinnen noch recht leer, die Vorband war uns schon entgegengekommen und hatte den Hinweis vom Einlasser bekommen, dass sie zehn nach achte dranwären, also haben wir uns mit unseren frisch erworbenen Getränken, die in dem Laden ja dann wenigstens halbwegs erschwinglich sind, gleich nochmal nach draußen ins schöne Wetter gesetzt und sind erst wieder hineingeströmt, als die laut gerufene Info erscholl, dass Stinking Lizaveta jetzt anfange, schön mit deutschem Zett ausgesprochen. Das Rein und Raus ging, weil Stempel auf der Hand. In vielen Klubs geht das ja nicht mehr, weil nur Karte und raus ist draußen und bleibt dort. Warum eigentlich?
Die Vorband dann viel besser als erwartet, weil nicht so nervig gniedelig wie auf bandcamp. Die Gniedelgitarre nicht so vordergründig und vor allem nicht so hochfrequent, sondern satter und besser drin im Sound der ganzen Band, der Basser wirklich der Hammer, zum Teil parallel zur Gitarre dieselben Läufe hinauf- und hinunterzappelnd, dazu die Schlagzeugerin mit ihren grüngefärbten Haaren, die in alberner Theatralik und übertriebener Mimik einen auf Rockstar machte, aber eigentlich eins-a aussah wie die Idealbesetzung einer Hexe für einen billigen Kinderfilm der Achtziger oder Neunziger. Der Gitarrist dagegen wie ein zur Ruhe gesetzter Seemann mit wenig Haar, aber sorgfältigst gestyltem eisgrauem Bart. Nochmaliges Gegenstück der Bassist, der mit seinen langen schwarzen Haaren und dem wirren Zauselbart aussah wie ein russischer Anarchist aus dem vorletzten Jahrhundert. Dostojewski eben. Noch Fragen?
Eigentlich war mir der Basser als am (elektrischen) Stehbass herumzupfend versprochen worden, aber stattdessen spielte er einen stinknormalen schwarzen Precision-Bass von Fender. Die schnellen Griffwechsel klappen damit ja bestimmt auch viel besser. Und die Reise von Amiland nach Europa und durch Europa durch macht sich mit einem handlichen Koffer auch deutlich entspannter und günstiger als mit so einem Instrumentenschrank. Ach die Musik? Eigentlich dämliche Versatzstücke aus altmodischen Heavy-Metal-Stücken, so Iron-Maiden-mäßig, so genau kenn ich mich da nicht aus, nur eben ohne Gesang und ohne echte Songstrukturen, sondern mehr so post- oder math-rockig aus Fragmenten zusammengesetzt, an manchen Stellen war mir das auch zu sehr handwerkliche Fingerübung ohne echten Hörgenuss, weil fast ganz ohne Entwicklung in der Dynamik und/oder Harmonik, aber dann eben doch immer wieder schicke Sounds, coole Breaks, geile Riffs und viel Spaß an der Sache. Was will man mehr?
Nach einer reichlichen halben Stunde waren sie dann schon fertich, weil hallo, ist ja nur die Vorband schließlich. Dabei machen die das schon seit etlichen Jahren und Jahrzehnten, wie man nicht zuletzt an der langen Reihe von CDs sehen konnte, die da am Merchandise-Tisch aufgereiht lagen. Und wie man sich ja auch zusammenreimen könnte, wenn man sieht, wie alt die alle drei sind. Und später hab ich dann auch nochmal geschnallt, dass Gitarrist und Bassist Brüder sind, beide heißen nämlich Papadopoulus, so als gäbe es in Griechenland nur diesen einen Namen; ich hatte mich schon gewundert, dass ich sie auf den älteren Fotos nicht immer zweifelsfrei auseinanderhalten konnte, welcher von beiden mit welchem Bart ist jetzt welcher. Dabei sind die Nasen ganz unterschiedlich. Oder?
Und was muss ich da lesen? Steve Albini hat die erste Platte von denen aufgenommen? Kommt man denn wirklich gar nicht an diesem Typen vorbei?
Mit neuem Getränk nochmal kurz draußen sitzen, weil bestimmt wieder aufgerufen wird. Wurde auch, und ein nicht ganz unbeträchtlicher Teil des Biergarten- und Pizzabuden-Publikums strömte wieder nach drinnen. Herr Gustafsson stand schon an seinem Tisch an der Seite der Bühne und werkelte angestrengt an irgendwelchen Knöppchen rum, er macht nämlich nicht immer nur ausschließlich in Saxophon, sondern auch mal in Synthesizer und Querflöte, die kam dann nämlich auch noch zum Einsatz, nicht für glockenhellen Wohlklang freilich, sondern angestrengt dilettantisch gespielt und zwischendurch noch am Instrument vorbei stöhnend und schreiend, so richtig artsy-fartsy freejazzig also, wie man das auch erwarten durfte. Der Rest der Band kam dann peu a peu auf die Bühne, ein Bassist, ein Schlagzeuger und am Ende noch ein Sänger. Letzterer sollte mir die Hälfte des Konzertes auf die Nerven gehen mit seinem offenbar nicht abstellbaren Rampensaugehabe, das für mein Empfinden nicht so recht passen wollte, weil der Gesang ja über weiter Strecken der Musik gar keine Rolle spielt. War ich da der einzigste?
Der Sound der Band leider nicht so dolle. Der Bass ordentlich verzerrt, aber auch mit etlichen anderen Effekten belegt, so dass er ziemlich matschig war, da hätte ich mir was knackigeres gewünscht. Gitarren waren gar keine da, die gehören ja auch nicht zur Stammbesetzung, dafür hat der Schlagzeuger an einzwei Stellen auf seinen zusätzlichen elektronischen Pads so eine Art Keyboard gespielt. Mats Gustafsson vor allem am voluminösen Saxophon, aber zwischendurch auch immer wieder wie der Typ von Neurosis mit viel Körpereinsatz am Synthesizer-Tisch herumfuhrwerkend. Der Sänger mit Jacket und halblangem Haar am Kreischen und Schreien und Beineschmeißen und Hüpfen und Armerecken und so weiter, so ganz falsch war das alles vielleicht doch nicht?
Als der Bassverstärker zwischendurch Probleme machte, verstieg sich der Sänger zu kleinen Andeutungen politischer Statements, die langweiligerweise und quasi erwartungsgemäß gegen Israel und Netanjahu gerichtet waren, die abertausende unschuldige Kinder auf dem Gewissen haben. Applaus dankenswerterweise nicht vom gesamten Publikum, der Melonenmob offenbar noch nicht komplett Mainstream. Free Palestine, na klar, aber was ist mit der Hamas? Und wieso immer diese Obsession mit dem nahen Osten?
Achso, mittendrin haben sie auch ihren Bandnamen erwähnt bzw. erklärt, und wenn ich alles richtig verstanden und mir nicht falsch gemerkt habe, ist Backen ein Ortsteil ihrer Heimatstadt Umeå, und dort befindet sich das Krematorium, das aber im Volksmund dann als Grillen, also als Grillimbiss bezeichnet wird, oder jedenfalls ist es eine Redewendung, jemand, der gerade gestorben ist, wäre in Backengrillen. Was sie für einen coolen Bandnamen gehalten haben, als sie nach dem Ende von Refused den neuen Quatsch mit dem Saxophoner (der kommt auch von dort; so wie auch Cult Of Luna z.B.) angefangen haben. Richtig?
Katharina hat das beides doch besser gefallen als gedacht, aber das T-Shirt, das da so schön Anti Fascist Death Jazz auf der Rückseite stehen hatte, sah auf der Vorderseite doch ein bisschen zu sehr nach Metal-Shirt aus, der krakelige Schriftzug und das großformatige Bandfoto, nee lass ma. Und weil ich die Hauptband dann doch nicht so dolle fand, hab ich mir die Platte verkniffen. Wären ja nochma fümmunzwanzig Euro gewesen. Hätte aber auch eine von der Vorband mitnehmen können. Na später vielleicht irgendwo in einem Online-Shop meiner Wahl?