Was damit nicht gemeint ist: europäische Alternativen zu US-amerikanischen Originalen finden und nutzen. Das wird zwar gern so kommuniziert, ist aber ein falsches und ohne Not nationalistisches Verständnis des Problems. Ach so, das Problem.
Das Problem ist vielschichtig. Wir, besser gesagt: die meisten Menschen, die heutzutage im Internet unterwegs sind, haben sich angewöhnt, auf Dienste zurückzugreifen, die alle anderen auch nutzen, die alle kennen, die überall kostenfrei zur Verfügung stehen, die Standards quasi. Das macht man so, das ist das Internet: Google, Apple, Twitter, Microsoft, Amazon, Facebook, Tiktok, Youtube, Facebook, Instagram, Paypal, Whatsapp, Linkedin und so weiter.
Macht ja Sinn, die Websites sind auf die Google-Suche hin optimiert, die Apple-Dienste stehen allen Nutzern von Apple-Geräten zur Verfügung und sind easy zu benutzen, über Twitter und Facebook kann man sich prima mit aller Welt austauschen, über Whatsapp sogar so, dass niemand anderes mitlesen kann, bei Amazon kann man nahezu alles kaufen, und zwar so billig und schnell wie fast nirgends, bei Youtube und Tiktok findet man lustige und/oder informative Videos zu allen möglichen Themen, mit Paypal kann man schnell und unkompliziert online bezahlen, ohne mit Kontonummern hantieren zu müssen … Und manche dieser Anbieter haben ein ganzes Portfolio an Diensten im Angebot, bei Google etwa gibt es nicht nur die Suche, sondern auch Mail, Online-Speicher, Kalender, geteilte Dokumente, Karten und vieles mehr, ähnlich bei Apple und Microsoft. Und viele dieser Dienste gibt es zudem als App fürs Handy bzw. das Tablet, so dass ich gar nicht mehr über eine URL im Browser dahin navigieren muss, sondern direkt schon eingeloggt bin und loslegen kann.
Und wo ist jetzt das Problem? Das ist doch prima. Das ist das freie Internet, der demokratisierte Austausch, das frei verfügbare Wissen der Menschheit, Technik für alle, jeder kann mitmachen. Nee, ist es nicht. Die Grundfrage ist doch: was ist das Geschäftsmodell? Wer bezahlt das alles? Die Entwicklung der Software, die Bereitstellung der Hardware? Okay, Windows und Apples Betriebssystem und die Handys muss ich für teuer Geld kaufen, Paypal behält vom gewerblichen Verkäufer eine Provision. Aber für all die Online-Dienste bezahlt doch niemand was. Warum? Wo kommt das Geld für die Ressourcen und den Betrieb her?
Achja, da wird Werbung angezeigt. Nehm ich mal an, ich persönlich seh da keine, weil ich diverse Adblocker installiert habe, die das auf unterschiedlichen Ebenen herausfiltern. Ich mag nämlich keine Werbung, deswegen guck ich auch fast nie Privatfernsehen und unterstütze die Initiative Berlin werbefrei, aber das nur am Rande.
Klickt irgendjemand manchmal auf so eine Werbung? Kann ich mir ehrlich gesagt kaum vorstellen. Und das eigentliche Geschäftsmodell der Werbenetzwerke, die da die Anzeigen einblenden, ist ja auch gar nicht das bloße Anzeigen von Werbung, sondern das Überwachen und Verfolgen der Nutzer. Die eingebundenen Skripte zeigen nämlich nicht nur bunte Bildchen von tollen neuen Produkten an, sondern merken sich vor allem, wer da wann wo wie oft wie lange zu welchen Uhrzeiten an welchen Wochentagen auf welchen Webseiten unterwegs war und basteln sich daraus ein Profil, aus dem sich erstaunlich viel ablesen lässt. Auch ohne Vor- und Vatersnamen kann man aus diesen Metadaten ein verblüffend genaues Persönlichkeitsprofil erstellen, und das dann zu verkaufen bzw. zu nutzen, um personenbezogen individuelle Werbung anzuzeigen, das ist der eigentliche Deal. Denn wenn man den Nutzern Werbung anzeigt, die ihren Vorlieben und aktuellen Interessen entspricht, ist die Chance natürlich ungleich viel höher, dass da mal einer draufklickt.
Und das machen die Anbieter der Dienste natürlich viel lieber selber, als das an irgendwelche Werbenetzwerke abzugeben. Die Nutzer bezahlen also nicht mit Geld, sondern mit der kostenfreien Lieferung von allerlei personenbezogenen und persönlichen Informationen, nicht nur durch das Verhalten im Internet, sondern auch proaktiv durch Liken und Teilen von fremden Inhalten und das Einpflegen von eigenen Inhalten, nicht zuletzt die vielen vielen Selfies, mit der das halbe Internet vollgemüllt wird; und diese Daten werden dann von den Anbietern benutzt, um die Nutzer zu manipulieren; um mal ein anderes Wort für individualisierte Werbung zu benutzen.
Viel einfacher geht das übrigens über die Apps, die den Betreibern in weitaus größerem Maße Zugriff auf allerlei Informationen geben, als das über die Browser-Oberfläche möglich ist. Deswegen nerven die Websites auch immer alle rum, wenn sie merken, dass man mit einem kleinen Bildschirm angesurft gekommen ist, und nötigen einen, doch lieber die App zu installieren, weil das angeblich viel einfacher und besser funktioniert, dabei geht es ihnen nur um die Daten: weil der Browser zwischen dem Anbieter und dem Nutzer steht und nur relativ wenige Daten durchlässt und zudem die Installation von Adblockern erlaubt. Während eine App sich bei der Installation einfach eine ganze Latte an Zugriffserlaubnissen einholen kann und dann munter auf alle möglichen Informationen des Handys oder des Tablets zugreift, um diese dann fleißig nach Hause zu telefonieren.
Jetzt gibt es freilich einen ganzen Haufen Leute, die sagen: ich hab doch nichts zu verbergen. Sollen die doch meine Daten haben, wenn ich als Gegenleistung die Apps kostenlos nutzen kann. Was haben sie denn groß davon, ich klicke sowieso nicht auf Werbung, und wer bin ich denn, dass sie mich kleinen Wurm hier direkt adressieren. Kann sein, dass diese Leute auch sonst auf Privatsphäre keinen Wert legen, bei offener Tür kacken gehen, ihre Liebesbriefe an die Litfaßsäule kleben, beim Sex gern beobachtet werden und mitten auf der Straßenkreuzung ein paar neue Badehosen anprobieren. Manch einer telefoniert ja auch in der vollen Straßenbahn über Lautsprecher und tauscht dabei privateste Informationen auch des Gegenübers aus. Denen ist sicher nicht zu helfen, aber die meisten Menschen haben im realen Leben schon noch ein Gefühl für den Unterschied zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre. Warum also nicht auch in der Parallelwelt namens Internet?
Weil es für die meisten im Moment noch nicht so aussieht, als hätte das irgendwelche Folgen. Ja, die Stasi war schlimm, aber das war ja was ganz anderes, hier geht es ja nur um Kommerz, nicht um Unterdrückung der Bevölkerung, da ist das mit der Bespitzelung völlig okay. Ist es aber nicht. Nicht nur, dass sich Leute anders verhalten, wenn sie merken oder auch nur vermuten, dass sie überwacht werden: vor allem die Sozialen Medien sind alle so gebaut, dass sie die Nutzer möglichst lange bei sich behalten, um möglichst viele Daten sammeln zu können. Kurz mal was gucken und gleich wieder weg, so soll das nicht. Also werden Empörungsdynamiken genutzt, die den öffentlichen Diskurs vergiften und nach rechts verschieben, und es werden geradezu süchtig machende Empfehlungsalgorithmen eingebaut, die nach jedem Video immer gleich das nächste zeigen, so dass die Leute inzwischen wirklich wie bei Wall-E nur noch mit dem Handy vor der Nase durch die Welt gehen.
Doch dabei bleibt es ja gar nicht, denn die Betreiber sind auf diesem Weg zu Milliardären geworden, und als solche sind sie es gewöhnt, auf jedem nur erdenklichen Weg ihre Interessen gegen alle anderen durchzusetzen. Und eigene Interessen haben sie, daran kann kein Zweifel bestehen: Twitter ist seit dem letzten Besitzerwechsel zu einem Hort rechtsextremer Propaganda geworden, Facebook hat mit individualisierter Antiwerbung die letzte US-Wahl vermutlich nicht ganz unwesentlich mitentschieden, und es hier auch daran erinnert, dass sich alle diese Tech-Milliardäre bereitwillig an Trumps Tisch gesetzt und mit ihm gescherzt haben, als er seine zweite Amtszeit begonnen hat. Und diesmal war klar, wo der Weg hingehen soll. Kurz vorher sah es noch so aus, als gäbe es da einzelne, die Rückgrat hätten, aber Pustekuchen. Stattdessen unterstützen sie z.B. mit ihren Diensten und Daten u.a. die Razzien der Ausländer-Polizei ICE. In anderen, totalitären Staaten beteiligen sie sich bereitwillig an der Unterdrückung der Bevölkerung, indem sie etwa Inhalte nach Vorgaben der Machthaber herausfiltern. Sie üben also konkrete Macht aus und beeinflussen Entscheidungen auf höchster Ebene. Macht, die sie nur haben, weil wir sie ihnen geben, indem wir ihre Produkte und Dienstleistungen benutzen.
Was kann man also tun? Was anderes nutzen. So einfach ist das. Manchmal ist es doch ganz einfach. Und es gibt ja Alternativen. Zu fast allem. Die Datenkabel auf dem Boden der Ozeane können wir nicht umgehen, und auch an der Cloud-Server-Struktur von Amazon Web Services kommt man fast nicht vorbei, wenn man weltweit verteilte Dienste anbieten will, aber für fast alle der genannten Dienste und Apps gibt es Alternativen, die frei und Open Source sind, die ohne Beteiligung von Milliardären auskommen und trotzdem (fast) genauso gut funktionieren.
Um diesen Wechsel zu propagieren, haben ein paar Leute, die ich nicht kenne, den eingangs erwähnten Digital Independence Day ausgerufen. Damit man jeden Monat einen weiteren kleinen Schritt in die Unabhängigkeit gehen kann. Denn niemand muss von jetzt auf gleich alles gewohnte hinter sich lassen und sich ohne Begleitung in digitales Neuland wagen. Eine sehr gute Quelle ist auch die Empfehlungsecke des IT-Sicherheitsexperten Kuketz.
Und wie gesagt: Ziel ist es nicht, auf europäische oder deutsche Produkte auszuweichen, sondern auf solche, die nicht Überwachung im Sinn haben und idealerweise frei und open source sind. Wo die herkommen, ist dabei völlig wumpe. Was will ich denn mit einer europäischen Palantir-Alternative, liebe Grüne? Ich will gar keine Überwachung.
Ich persönlich bin schon ziemlich unabhängig: ich habe Linux auf meinem PC, ein entgoogeltes Android auf meinem Shiftphone, als App-Store nutze ich F-Droid, für die alltäglichen Dinge viele Apps von Fossify. Bei X und den Meta-Diensten Facebook, Instagram und Threads habe ich meine Profile stillgelegt, statt Whatsapp nutze ich ausschließlich Signal, und bei Amazon kaufe ich seit mehr als zehn Jahren schon nicht mehr ein. Als E-Mail-Provider habe ich mir Mailbox ausgesucht, und für die geteilten Dateien, Kalender und Adressbücher der Familie hab ich auf meinem Webspace eigene Dienste installiert (Nextcloud und Baikal).
Nur Bluesky und Paypal verwende ich noch, ersteres, weil viele Nutzer, die ich von Twitter her kenne, den Weg zu Mastodon noch nicht gefunden haben, und letzteres, weil Wero an die Apps der Banken gebunden ist, die auf meinem gerooteten Handy allesamt nicht laufen.