Südöstlicher Hirschhuf

Deerhoof hat schon wieder im SO36 gespielt.

Krischan am

Hats denen letztens so gut gefallen, dass sie unbedingt wieder in diesem Club spielen mussten? Oder kümmert sich da vielmehr ein:e Booker:in drum, und der:m ist halt kein vernünftiger Grund eingefallen, sich schon wieder nach einer neuen Location umzusehen? Spricht ja auch nicht viel dagegen und genaugenommen noch mehr dafür.

Wir haben die Route mit der M4 und der U8 genommen und sind vom hinteren Ausgang munter drauflosgelatscht und waren aber in der falschen Straße, das hätte mir eigentlich beizeiten am Sonnenstand auffallen können, dass wir da nicht in Richtung Nordosten unterwegs sein konnten, wenn uns die Sonne von vorne entgegenscheint. Na dann halt zweimal mehr abgebogen auf dem nun etwas längeren Spaziergang, wir waren ja auch so mehr als pünktlich da, sogut wie keine Leute am Einlass und im Saal, wir haben uns auf das Podest am Rand gesetzt und uns umgeguckt. Freie Sicht auf den Merchandise-Stand und den schwarzen Vorhang bei zwei Dritteln des Saals, es würde wohl nicht voll und/oder ausverkauft werden. Grüne und lila Lichtflecken auf Fußboden und Wänden. Als es voller wurde, hab ich auch die OP-Maske aufgesetzt, die mir die Flyerverteilerin im Gang zum Saal überreicht hatte, Deerhoof hat ja wie beim letzten Mal wieder darum gebeten, Maske zu tragen. Und fast alle hielten sich daran.

Die zwei jungschen Leute, die zwischendurch aus dem Backstage-Bereich kamen und sich zu dem älteren Glatzkopf setzten, der neben uns auf dem Podest hockte, stiegen schließlich als Vorband auf die Bühne. Hatte ich mich gar nicht vorbereitet, wer und was mich da erwartet, und stattdessen den ganzen Tag Low gehört. Katharina ahnte aber schon, dass sie da ihre Ohrstöpsel brauchen würde. Und wirklich krachte es extrem laut los. Ein Schlagzeuger und eine Frau an einem kleinen Pult mit Knöppchen. Die zu zweit einen infernalischen Krach produziert haben, der schwer einzutüten ist. Überall Effekte und Verzerrer drauf. Das ganze Schlagzeug lief direkt neben dem Schlagzeuger nochmal durch einen Synthesizer oder so, sodass er dann nochmal an Knöppchen drehen konnte, um etwa ein einzeln angeschlagenes Hihat in ein Dröhnen umwandeln konnte, dass der Boden wie irre vibriert hat. Auch die Sängerin mit Effekten auf dem Gesang und einem kleinen Synthesizer zum Geräusche machen und einem elektronischen Drumpad zum drauf rum dreschen. Und mit sichtlich viel Spaß. Der Gesang mal deathmetalig growlend, mal hysterisch kreischend, dann wieder fast hiphoppig rappend. Das ganze im Ergebnis vielleicht so eine Art Mischung aus Industrial und diesem komischen Freejazz-Drone-Zeug, wie ich es mir mal von dem einen Norweger besorgt habe, und irgendeiner mir nicht bekannten obskuren Spielart des Tekkno, bei der es nicht diese sinnlosen durchlaufenden Stampfbeats gibt. Oder so. Live auf jeden Fall beeindruckend, auf bandcamp dann aber gar nicht mal sooo doll. Fehlen wahrscheinlich nicht nur die ohrenbetäubende Lautstärke und das Licht und der Nebel.

Die schreiben sich gern PΞB, mit einem griechischen Xi, weil das so ein schönes E ohne den senkrechten Balken ist, aber die URIs und andere Hinweise nehmen als mittleren Buchstaben doch wieder ein normales E, also schreib ich das auch so. Sie wurden ja auch nicht Pxsibb genannt, sondern Päbb. Und ob das jetzt eine Abkürzung ist, die Großbuchstaben erzwingt, oder eigentlich auch mit zwei Minuskeln geschrieben werden müsste, lass ich jetzt mal außen vor. Nach zwanzig Minuten waren die jedenfalls fertig mit ihrem Trommelfellzerfetze.

Inzwischen war es fast schon voll, wir haben uns aber kein weiteres Getränk besorgt, sondern haben unseren Platz weit vorn behalten. Langwieriges Ab- und Aufbauen von Instrumentarium und zugehörigem Zeugs, zwei schöne Vox-Verstärker für die Gitarren, eine Orange-Box für den Bass, ein glitzerndes Schlagzeug am rechten Rand der Bühne, das nochmal umgedreht werden musste, die Deerhoofs auch schon fleißig dabei, aber kurz vor neun nochmal verschwindend, sich umziehen. Punkt neune waren sie dann wieder da, wie üblich hübsch hässlich und nicht zusammenpassend zurechtgemacht: die Bassistin elegant in einem schlichten schwarzen Oberteil und einem golden glänzenden Plusterrock, einen großflächigen rickenbackerähnlichen Bass umgehängt, der bärtige Gitarrist sportiv in T-Shirt und Jeans und mit einer blauen halbakustischen E-Gitarre, der langhaarige Gitarrist nicht mehr ganz so langhaarig, mit operettenhafter blauer Rüschenärmelbluse und enger grauer Hose und einem mit Edelsteinklunkeraufklebern bepflasterten Mini-E-Gitarre ohne Kopf und Korpus, und schließlich der inzwischen langhaarig gewordene schlaksige Drummer in viel zu kurzem roten T-Shirt und bunter Hippiehose.

Und dann die übliche Mischung aus komischer Popmusik und rockigen Fragmenten und jazziger Verkomplizierung und kasperiger Publikumsbespaßung. Schöne Sache, handwerklich sauber bis perfekt, viele Hits dabei, vom Kraftwerk-Cover über die Knightrider-Titelmelodie bis zu »Be Unbarred, O Ye Gates Of Hell«, auch Georg Friedrich Händel durfte nicht fehlen, aber für mich dann doch immer ein wenig ermüdend, bitte in den drei zurückliegenden Konzertberichten nachlesen oder hier im Video (mit miserablem Ton) anschauen und einen eigenen Eindruck bilden:

Hier könnte eigentlich ein Video hin.

Der bärtige Gitarrist ist zwischendurch auch mal an den Bass gewechselt und hat den in atemberaubender Geschwindigkeit und Genauigkeit befingert. Konnte die Sängerin ein bisschen herumhopsen. Bunny Bunny Bunny, The Monster Rabbit.

Nach einer Stunde kurze Pause, Rückkehr mit dem von mir als übliche Masche abgetanen Hinweis auf den Geburtstag eines Bandmitglieds und einer weiteren Person aus der Crew, inklusive Torte mit Kerzen, aber als ich später im Internet nachgeguckt habe, ist Drummer Greg Saunier am 18. Mai tatsächlich 57 Jahre alt geworden. Na guck. Nach einer kurzen Zugabe dann schon Schluss, aber Katharina hat sich dann am Merchandise-Stand trotzdem (oder deswegen) noch was holen müssen: die Socken hatte sie ja schon beim letzten Mal mitgenommen, aber so ein im Tourbus aus lauter Langeweile selbstgefädeltes Armband aus dicken bunten halbtransparenten Plasteklunkern, dazwischen Buchstabenwürfel, die den Bandnamen Deerhoof ergeben, das musste es sein. Konnte sie sich eins aussuchen.

Rückzu dann lieber mit der U1/U3 und der M10, den Weg kennen wir und interessanter ist er auch, Partylinie quasi, aber montags abends um elf doch nicht so voll wie zu anderen Zeiten. Zu Hause war noch Sekt vom Kindergeburtstag übrig, und Chipse fanden sich auch noch, na holla, jetzt aber ab ins Bett.