32 Live Performances of The Diamond Sea
from 1995 & 1996. Plunderphonicaly
Orchestrated by John Oswald
Was das denn fürn Plunder? Hab ich quasi erst wenige Stunden vorm Record Store Day mitgekriegt, dass es da auch was neues von Sonic Youth geben soll. Und zwar mal keine Neu-Auflage alter Platten in buntem Vinyl oder in anderem Cover, sondern wirklich was neues, nämlich offenbar eine Verwurstung von ganz vielen Live-Aufnahmen desselben Stückes zu zwei gleichlangen Ergebnissen. Wie hört man sich das denn an?
Record Store Day
April 18, 2026
Da ich noch nie beim Record-Store-Day war, dachte ich Blödi ja, man könne an dem Tag einfach in einen Plattenladen seiner Wahl spazieren und mal gucken, was es da so gibt. Naja, ganz so auch nicht, mir war schon klar, dass nur ein paar Läden teilnehmen und man dann gleich früh da sein muss, um was zu ergattern. Aber könnte ich ja machen, Katharina war in Hamburg bei einer Freundin, die teenagenden Kinder schlafen am Samstag gerne etwas länger, also kann ich ja früh um neun beim Dussmann sein, so weit ist das jetzt nicht mit Fahrrad oder zur Not zu Fuß bis zur Friedrichstraße. Mit Kundenkarte kommt man sogar schon um acht rein, hab ich erst am Morgen gesehen, aber so eine Kundenkarte ist ja nur ein Klick im Online-Kundenkonto, also war ich zwischen acht und neun dort. Drinnen schon unglaubliches Gewühle zu sehen und vorm Eingang dann wartendes Volk und Kontrolleure für meine Kundenkarte. Im Laden überall im Erdgeschoss verteilt Plastekisten, in denen völlig unsortiert die Record-Store-Day-Veröffentlichungen steckten. Was konkretes suchen und finden? Is nich. Scheint Konzept zu sein. Also hab ich mich eine Weile da durchgedrängelt und in den Ramschkisten gebuddelt, aber überall nur Jeff Buckley und John Coltrane und Mark Knopfler, jedoch kein Sonic Youth. Und kein Slint, von denen sollte es ja auch eine rohe Steve-Albini-Aufnahme des zweiten Albums geben, hätte ich zur Not auch noch mitgenommen. Aber ooch nix zu sehen von.
Manche haben auch am Tresen nachgefragt, ob ihre gesuchte Platte noch vorrätig sei, bekamen aber auch nur den Tipp, weiter zu suchen, wenn bzw. falls noch nicht alle Exemplare an der Kasse vorbei waren. Das war mir beizeiten alles zu blöd, diese Hamster- und Drängelsituation, also bin ich wieder abgehauen. Und hab mir überlegt, dass ich ja auch noch beim HHV auf der Grünberger vorbeigucken könnte, der macht erst um zehn auf, da bin ich vielleicht rechtzeitig da, um gleich mit dem ersten Schwung reinzukommen. Aber was glaubstu wohl, wie lang die Schlange war, die sich da die halbe Straße langgeschlängelt hat, als ich dort halb zehn um die Ecke kam? Bestimmt hundertfuffzig, zweihundert Meter, mehrere hundert Leute, und es stellten sich gerade noch weitere an. Und tschüss.
Also in Ruhe nach Hause und halt später im Internet gucken und die Platte für den doppelten Preis einem der Hamsterer wieder abkaufen. Irgendwas um die dreißig, fümmundreißig Euro sollten die ursprünglich kosten, da krieg ich vielleicht für vierzig was. Und tatsächlich hab ich noch am selben Abend einem Dänen das gute Stück hier für dreißig abgekauft, für weniger als den Ladenpreis, aber nicht mehr niegelnagelneu und mit zusätzlichen Versandkosten, damit trotzdem immer noch unterhalb der angepeilten fuffzig.
Knapp zwei Wochen später isse dann schon hier. An den nächsten Spätshop geliefert, weil der auch Hermes macht. War das billiger für den Versender (und damit für mich), wenn das nicht direkt zu mir nach Hause geliefert werden muss, sondern zentral abgekippt werden kann? Vermutlich.
Made in Czech Republic
Und wie hört man sich das nun an? Neugierig auf jeden Fall.
Da hat der John also die ganzen Live-Aufnahmen (und die verschiedenen Studio-Aufnamen) synchronisiert übereinandergelegt (man sieht es ja auf der Innenhülle, wo zwei Screenshots eines Audioprogramms zu sehen sind, und liest es in seinen Linernotes) und spielt nun munter am Regler herum, damit mal die eine und mal die andere und mal mehrere der Aufnahmen unterschiedlich dolle zu hören sind. Das war bestimmt lustig, macht aber zum passiven Anhören nicht allzu viel Sinn. Das psychedelische an dem Song ist ja, dass das Genoise und Geklimper vor allem am Ende so sanft und allmählich wandelnd vor sich hinwabert, hier stattdessen Zwischenapplaus von den kürzeren Versionen und soundmäßig starke Wechsel zwischen den Aufnahmen und immer wieder Änderungen im Klang, das ist nüscht. Keine Ahnung, was die Idee dahinter war, das Ergebnis taugt jedenfalls nix.
Ich hätte jetzt stattdessen erwartet, dass es zum Ende oder zur Mitte hin immer mehr Spuren werden und allmählich alles im kompletten Chaos versinkt, aus dem es sich dann gegen Ende hin wieder herauskämpft, aber das ist wohl zu konventionell gedacht. Beziehungsweise funktioniert das auf der B-Seite tatsächlich besser.
Den Linernotes ist zu entnehmen, dass die Trennung von 1995 für die A- und 1996 für die B-Seite erst nachträglich vorgenommen wurde, eigentlich soll man sich jetzt beide Seiten gleichzeitig anhören, mit zwei Exemplaren der Platte auf zwei Plattenspielern im DJ-Set zum Beispiel, das wäre das angepeilte Hörerlebnis, vielleicht hat ein Freund die Platte ja auch, gell?
Auf der Vorderseite des Covers eine Waschmaschine, weil der Song ja zum Album »Washing Machine« gehört, auf dem auch so eine komische amerikanische Toplader-Maschine zu sehen ist, und zwar doppelt als Aufdruck auf T-Shirts zweier Kinder, irgendwo war mal zu lesen, wessen Kinder das sind, such ich jetzt nicht raus. Hier aber eine in Pappe verpackte Maschine am Straßenrand, auf die Abholung wartend. Das ist doch eine gebrauchte, warum ist die so gut verpackt? Warum ist die überhaupt verpackt? Gebraucht gekauft und zugestellt? Das Foto hat Lee Ranaldo gemacht. Mehr oder weniger direkt vorm Studio in Memphis.
Auf der Rückseite die auf den Kopf gestellte und farblich invertierte Fotografie eines im Bau befindlichen amerikanischen Holzhauses, die nicht nur im Artwork des Albums auftaucht, sondern ganz prominent auf dem Frontcover der Single »The Diamond Sea« zu sehen ist. Das hat Lance Acord gemacht.
Ich hab das ganze bei mir unter Bootleg abgelegt, weil ich da alle Live-Aufnahmen einsortiere, auch wenn sie nicht illegal oder halblegal oder sonstwie anrüchig sind. Albern eigentlich.
Limited to 3500 copies sagt discogs. Andere Quellen auch.
Tracks
- Diamond Seas 1995
- Diamond Seas 1996