Goldröckchens neue Welt

Kim Gordon war im Huxley’s. Und ich auch.

Krischan am

Und ganz viele andere. War ja ausverkauft. Scheint viele Leute zu interessieren, was die Sonic Oma da so treibt. Nur Katharina konnte nicht mitkommen, weil sie übers verlängerte Wochenende mit einer Freundin eine andere Freundin in Hamburg besucht hat. Dabei gefällt ihr die neue Elektromusik von Kim Gordon ja vermutlich sogar noch viel besser als wie mir. Aber ich als alter Sonic-Youth-Fan bin natürlich trotzdem zuständig. Nützt ja nüscht. Und so schlecht find ich das neue Zeug unter ihrem eigenen Namen jetzt auch gar nicht. Nicht mehr. Man gewöhnt sich. Man hört sich rein. Man entdeckt was. Auch in den ungewohnten Ecken der Genres. Neue Klangwelten sozusagen.

Jedenfalls hats seit Tagen geregnet oder zumindest seit dem Vorabend, und eigentlich sollte ich im Laufe des Tages noch den Vortrag probehören, den Juri am nächsten Tag im Rahmen seiner Abiturprüfungen halten musste, aber mit den Vorbereitungen ist er doch nicht rechtzeitig fertig geworden, da musste ich dann schon anfangen, (veganes) Chili con Carne kochen und direkt nach dem Essen losgehen, da hats nicht mehr gepasst. Und später wars zu spät, und am nächsten Morgen wars dann wieder zu früh oder was auch immer, er musste ja erst nach zehn auf die Bühne, jedenfalls hab ich den Vortrag verpasst. War bestimmt jut jewesen.

Dafür war ich rechtzeitig am Hermannplatz, hab mich dort aber erstmal wieder verlaufen, weil irgendwie sah die südwestliche Ecke des Platzes diesmal ganz anders aus als in meiner Erinnerung, vermutlich weil beim letzten (und vorletzten?) Besuch dort Baustelle war, jedenfalls bin ich durch den pladdernden Regen nochmal an die gegenüberliegende Ecke gelatscht und dann natürlich gleich wieder zurück, weil da sahs ja erst recht ganz anders aus, herrje, aber die Häuser da haben ja so überkragende erste Etagen, da geht man halbwegs trocken, wenn man nicht die dämlichen Elektroroller umrunden muss oder Tische von Imbissbuden. Auch egal, weil ich hatte ja Regenjacke an, wie alle anderen auch.

Die Kontrolle am Einlass fragte mich noch, ob ich eine Tasche dabeihabe, was ich mit einem Blick an mir herunter verneinen konnte, da hat ers bestimmt auch selbst gesehen, dass das meine Wampe war und keine unter der Jacke versteckte Bauchtasche. Den Gang zur Garderobe hab ich mir diesmal gespart, so warm ist eine Regenjacke ja doch nicht, dafür gabs am Tresen gleich ein Bierchen auf die große Chili-Portion, das Zeug macht ja Durst. Fünf-fuffzig zahlt man da jetzt für ein Nullvierer-Bier, plus temporäre zwei Euro Pfand auf den Becher. Also bliebs bei dem einen Bierchen. Muss man nicht dauernd pullern gehen, win-win für alle quasi. Außer die Gastro.

Vorher hatte ich noch den Merchandise-Stand gecheckt, ich sollte ja meiner Ollen was mitbringen, aber die in den Online-Shops zu sehen gewesenen T-Shirts in der Platten-Optik, so mit verlaufen gesprühtem Schriftzug in Gelb auf Schwarz, die gabs gar nicht, stattdessen irgendwas großflächig collagenhaftes, das mir nicht gefiel, in zwei Farben, entweder Rosa oder Weiß auf schwarz. Und teuer, fümmunvierzig Ocken für ein T-Shirt, wahrscheinlich wegen Vorder- und Rückseite bedruckt. Hab ich abgeknipst und geschickt und Kritik fürs unscharfe Foto bekommen und nach zwei Hin-und-Her-Kommentaren dann also den Kauf bleiben gelassen.

Mein Standplatz war wieder an der Kante der kleinen, zwei Stufen hohen Empore am Rand, direkt am Tresen. Da kann man so schön über die Leute drüber gucken, auch wenn man nicht so groß ist wie ich, nicht zu weit, aber auf keinen Fall zu nah an der Bühne. Dafür kommen da ständig Leute vorbei, zum und vom Tresen, mit oder ohne volle Becher in der Hand. Direkt neben mir tauchten die zwei Mädels Frauen aus der U-Bahn auf, die dort direkt vor meiner Nase gestanden und wo ich schon rein optisch gedacht hatte, die wollen bestimmt auch ins Huxley’s, und dann sprachen sie auch wirklich von Konzerten und von den Breeders, und ich glaube, die waren auch schon in derselben Straßenbahn wie ich, auf jeden Fall auf dem U-Bahnsteig am Alex, da sind sie mir aufgefallen, weil die kleinere von beiden war voll süß. Werde ich verfolgt?

Es gab eine Vorband. Da hatte ich noch am Nachmittag nachgeguckt. Eine merkwürdig heißende und bei Bandcamp merkwürdig verschlagwortete Band aus England, vier Mädels natürlich und irgendwas mit Punk und Folk und Art und Alternative und Avant-Garde. Klang aber halbwegs interessant. Bisschen archaisch mit schiefem Gesang und grobfingrig gespielten Streichern und postpunkigem Gesang. Irgendwie witzig.

Auf der Bühne tauchten sie dann weniger uniform auf, als sie auf dem Cover ihrer aktuellen CD oder auf anderen Pressefotos immer zu sehen sind, wo sie gern alle in altmodischen naturfarbenen Kleidern herumstehen oder -liegen: eine in folkigem Wallekleid, eine in knallbunten Spandex-Klamotten, die anderen beiden eher unauffällig, soweit ich mich erinnere. Sie gingen direkt vom Stimmen des Cellos und der Geige in den ersten Song über, vermutlich war das auch gar kein Stimmen, sondern eben ein raffinierter Einstieg mit vielstimmigem Gesang und zwei Streichern und brummelndem E-Bass und monotonem Stand-Schlagzeug. Zwischendurch immer wieder dieses juchzende, das man ja aus diversen Ecken der Weltmusik kennt, das hier aber in Kombination mit der ansonsten sehr postpunkigen Attitüde irgendwie putzig rüberkam. Das Publikum hat das auch angemessen gewürdigt und fleißig applaudiert. Und ebenfalls gejuchzt. Einen Hinweis auf ihre erste Veröffentlichung als CD und LP gabs noch, verbunden mit der suggestiven Bemerkung, dass CDs doch jetzt wieder im Kommen seien, nicht wahr, und eine kurze Story darüber, warum sie nur T-Shirts in XL und XXL dabeihätten.

Nach vier oder fünf erfreulich abwechslungsreichen Stücken, bei denen die Geige auch mal gegen eine E-Gitarre vertauscht wurde, waren sie allerdings schon wieder fertig, keine halbe Stunde war vergangen seit ihrem stechuhrpünktlichen Beginn um 20:00 Uhr, aber die Techniker brauchten dann tatsächlich die ganze Zeit bis 21:00 Uhr, um das Equipment der Vorband abzubauen, ein paar Monitorboxen herein- und wieder hinaus- und dann doch wieder hereinzutragen und zu verkabeln und alle Instrumente nochmal zu stimmen und die Kabel zu verlegen und was weiß ich nicht noch alles zu kontrollieren. Ein Schal musste noch an den Mikroständer gehängt werden. Ich hab in der Zwischenzeit meine Augen offengehalten, ob nicht doch ein bekanntes Gesicht in der immer zahlreicher werdenden Menge auftaucht, aber Pustekuchen. Also bekannte Gesichter im Sinne von hab ich schon öfter auf Konzerten gesehen, die ja, aber keines im Sinne von kenn ich dem Namen nach und hab ich schon mal gesprochen mit.

Nebenbei konnte ich den Erzählungen eines jungen Mannes mit sägender Stimme lauschen, der seiner weiblichen Begleitung von seiner Lektüre geografischer und historischer Büchern erzählte und unter anderem über die Geschichte Berlins referierte. Seine Begleitung war aber artig und hat genickt und ab und zu aha gesagt, also ging das ziemlich lange so weiter, nur unterbrochen von der kurzen Pause, in der er nochmal schnell auf dem Klo verschwunden ist.

Dann kam Madam Gordon aber doch endlich auf die Bühne, kurz nach neune wars, und hat direkt angefangen, das aktuelle Album von vorne bis hinten aufzuführen. Die Band, die sie begleitet hat, war wieder dieselbe wie beim letzten (und vorletzten) Mal, würde ich meinen, jedenfalls die Stupsnase der Gitarristin hab ich wiedererkannt, die Kurzhaarfrisur der Schlagzeugerin kam mir auch bekannt vor, nur die langen Haare der Bassistin sagten mir nix, aber in zwei Jahren wachsen so Sachen ja auch ein ganzes Stückchen. Allzu viel konnte man aber nicht von ihnen sehen, Licht auf die Band gabs kaum, weil vor allem die (langweilige) Videoprojektion an der Wand hinter ihr zu sehen sein sollte.

Live hat mich die Musik diesmal weniger abgeholt. Die Inszenierung eben nicht rockiger oder wenigstens ein bisschen anders als auf Platte, sondern stoisch dem Skript folgend heruntergenudelt. Inklusive Vocoder-Effekte an den richtigen Stellen. Zu sehen war dadurch auch nix. Höchstens der merkwürdige schmale Rock von Kim Gordon, der bei der fehlenden und eher von hinten kommenden Beleuchtung meist halbtransparent weiß aussah, zwischendurch aber auch wie mit goldenen Pailletten besetzt glänzte.

Vielleicht hätte ich eben auch nicht da in erhöhter Beobachter-Position stehen bleiben, sondern mich weiter nach vorne begeben und unters Volk mischen sollen, das da begeistert mitgegangen und als Masse immer wieder herumgewogt und Arme gereckt hat. Mach ich ja sonst auch so. Jedenfalls wenn wir zu zweit sind auf jeden Fall.

Nach dem krachig endenden Bye-Bye-Song kamen noch ein paar Songs der beiden Vorgänger-Alben dran, »I’m A Man« war am einfachsten zu identifizieren und hat ordentlich gemetert. Kim hat ja auch nicht immer nur gesungen, sondern sich ab und zu eine schöne Gitarre umgehängt und da ein bisschen dran herumgedingst. Sie klebte dann auch nicht mehr so an ihrem Pult, auf dem sie offenbar die Texte der Songs mitlesen konnte/musste, sondern lief mit ihrem Mikro und den eingeprägten Lyrics auf der Bühne herum. Zwischendurch hat sie sich noch daran erinnert, dass sie im Huxley’s schon mal gespielt habe, sie wüsste nur nicht mehr genau, in welchem Jahr. Ich auch nicht: wars 1995 oder 1996, dass ich sie da (als Teil von Sonic Youth) gesehen habe, mit Stereolab und Unwound? Im April 1996 wars, vor ziemlich fast genau dreißig Jahren. Nu gugg.

Hier könnte eigentlich ein Video hin.

Nach einer Stunde dann Schluss, die Band verschwand nach einem kurzen Dankeschön, das Publikum jubelte und pfiff, und nach einigen Minuten kam die Band brav wieder zurück auf die Bühne und hat noch einen etwas längeren altmodischen und irgendwie psychedelisch konturlosen Schrammel- und Noise- und Stöhn-Song gespielt, der zu einer der anderen Bands gehört, die es vor den Alben unter eigenem Namen gab, Glitterbust oder Body/Head oder so. Oder? War das was neues? In meinen Ohren am Ende eben doch interessanter als das meiste vorher.

Nach der einen Zugabe war dann aber wirklich Schluss, das Licht ging langsam an und der Applaus verebbte, wollen wir der Frau von Anfang Siebzig mal die Ruhe gönnen, knappe anderthalb Stunden stehen und singen und ein bisschen an der Gitarre herumfingern sollen für heute genug sein.

Ich hab dann schnell mein Becherchen gegen die hinterlegten zwei Euro eingetauscht und mich zum Merchandise-Stand durchgebuddelt, um für meine Schwester eine der angepriesenen CDs der Vorband zu erwerben, die will ja immer noch zweimal im Jahr von mir eine neue Musik geschenkt bekommen, also muss ich doch jede Gelegenheit nutzen, die mir neue und interessante Musik vor die Füße spült. Die erfreulich günstigen dreizehn Euro hätte ich auch mit Karte bezahlen können, dann wärs wohl schneller gegangen, stattdessen mussten die Mädels meinen Zwanni erstmal mit Wechselgeld aus der Teedose abgleichen, das hat gedauert, so belagert wie der Stand war. Neben mir wurden die gar nicht so sehr großen T-Shirts angehalten und für den aktuellen Oversized-Look als genau passend akzeptiert. Schöner als die Kim-Gordon-Shirts waren sie sowieso. Hätte ich davon auch noch eins mitnehmen sollen?

Das Entkommen aus dem Saal wieder langwierig, weil der schmale Gang zweigeteilt für die Schlangen zur Garderobe und zur Treppe, die Treppe dann auch nicht sehr breit und sogar vereinzelt Gegenverkehr, und unten dann lauter Leute, die sich ihre Regenjacken und Taschen und Zigaretten und weiß ich nicht direkt einen Schritt nach der Treppe anziehen und anzünden und überziehen mussten. Na wurscht. Draußen immer noch Regen, die U-Bahn stand schon/noch ein paar Minuten ohne Licht und mit offenen Türen am Bahnsteig, so dass ich auch nach dem gemächlichen Ticketwischen noch in Ruhe eine Tür finden konnte, hinter der ein paar Zentimeter Platz für mich waren.