C & C

Ich war auf einem Konzert und jetzt muss ich was drüber schreiben.

Krischan am

Aber eigentlich bin ich ganz schön ratlos. War irgendwie alles nüscht. Kaum Leute da, das Bier teuer, die Bedienung öde, die Vorfrau langweilig, der Hauptmusiker lustlos, und ich dann keinen Bock, die neue Platte zu kaufen, und um zehn schon wieder auf dem Weg nach Hause.

Worum gings? Chris Brokaw war da. Der Mann, der früher mal dafür berühmt war, der ehemalige Schlagzeuger von Come und Codeine und jetzt allein als Gitarrist unterwegs zu sein. Die erste Platte war geil, so halb mathig, halb postig, halb Indie, aber alles instrumental. Auch schon wieder ein Vierteljahrhundert her. Später dann mehr so Liedermacherkram, zum Teil solo mit Gitarre, zum Teil auch mit Band im Hintergrund (vermutlich aber alles selbst eingespielt), und neuerdings vermehrt so cineastisch anmutendes experimentelleres Zeug. Alles nicht schlecht, aber nicht mehr ganz so der Brüller. Sehr nett auch die Sachen, die er mit Ex-Karate-Mann Geoff Farina zusammen macht, das sind so klassische amerikanische Gitarrensongs, entweder echte Traditionals oder gecovertes Zeug von früher, abwechselnd gesungen und gemeinsam geklampft.

Dass da nicht viel Publikum auftauchen wird, war mir klar, aber dass es nur zwei Dutzend sind, hätt ich dann doch nicht gedacht. Vielleicht einer der Gründe, warum er so offensichtlich keine Lust hatte. Der Privatclub ist ja eh nicht groß, aber auch dessen Hälfte war damit nur sehr locker gefüllt. Ein paar grüßten den Star mit Umarmungen, zählten also vermutlich auch nicht so ganz als zahlendes Publikum, und ein Grüppchen jüngerer Leute gehörte offenbar zur Vorfrau mit dem komischen Namen, dessen vorderer Teil nicht portugiesischen, sondern irischen Ursprungs ist, wenn ich das Internet richtig verstehe. Und der sich auch komplett anders ausspricht als man ihn schreibt, das kriegen die Schotten und Iren ja immer fantastisch hin, wer hat denen denn die Schrift erklärt seinerzeit?

Der Garderobenmann hat sein Kabuff dann irgendwann geschlossen, als klar war, dass kaum Leute kommen und von denen niemand seine Jacke professionell bewachen lassen will. Der Chris hat sich dafür eine Weile an seinen stehpultartigen Merchandise-Stand gestellt, auf dem ein paar Platten und CDs aus seinem ausgewachsenen Œuvre herumlagen, und hat dort die Begrüßungen der Gäste entgegengenommen. Dann war er wieder weg, und beizeiten kam die Vorfrau auf die Bühne.

Junges, blondes, dünnes, gutaussehendes Mädel in knöchellangem Hemd und Sneakern und mit Akustikklampfe, nahm auf dem Barhocker vor den beiden Mikros für Stimme und Gitarre Platz und fing an zu klampfen und zu säuseln. Sehr gleichförmig, sehr eintönig, mal angenehm einlullend, mal entsetzlich langweilend war das, was sie da auf der Gitarre anstellte, die Lautstärke wellenartig an- und abschwellend, vielleicht auch weil die Finger immer eine Weile brauchten, um sich in den ausgefallenen Griffen zurechtzufinden, dazu im ersten Stück alberne Stimm- und Zischübungen, das macht bestimmt Spaß und ist lustig, wenn man grad nichts zu tun hat, aber vor Publikum, zumal wenn da sonst nichts ist, was das irgendwie einordnen könnte, ich weiß nicht. Zwischendurch das Kokettieren mit der fehlenden Erfahrung und das Angeben mit dem Gitarrenlehrer Chris Brokaw, der im Zweifel an allem Schuld sei.

Das dritte der unnötig langen Stücke schlug dann wieder einen Bogen zum Anfang mit den Stimmübungen, und dann wars geschafft. Das Publikum mehr als nur freundlich applaudierend, und ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob die vielen älteren Herren im Saal einem Mann oder einer älteren Frau in selbem Maße gehuldigt hätten. Mir hats jedenfalls nix gebracht. Hätte sie das ganze vielleicht doch ein bisschen exaltierter inszenieren sollen? Affektiertes Getue war jedenfalls nicht.

Zeit für ein zweites Bierchen. Fünf-zwanzig zahlt man hier für ein null-vierer Bierchen, und damit man durch den Lärm der auftretenden Bands besser kommunizieren kann, was man zu berappen hat, gibts über dem Barregal eine große Leuchtzahlenanzeige, die den Gesamtpreis der Registrierkasse nochmal in zwanzig Zentimeter großen roten Ziffern gut lesbar anzeigt. Hübsches Ideechen das. Trinkgeld gabs keins, weil Preis eh schon hoch und mächtig viel Schaum im oberen Drittel.

Dann hat der Chris seinen Mikroständer justiert bekommen, hat kurz gesagt, die Musik dürfe ruhig noch weiterlaufen, musste aber trotzdem in gespannter Stille seine Gitarre stimmen und nochmal die vielen Pedale am Bühnenrand zurechtrücken und wohl auch an dem einen oder anderen Knöppchen seiner beiden Verstärker drehen – da standen nämlich zwei: links ein Fender-Gitarrenverstärker und rechts ein Markbass-Bassverstärker.

Was er angehabt hat? Ja richtig, Gleichberechtigung muss sein: Jeanshemd mit ulkigen Taschen, Jeanshose, braune Lederschuhe. Labberiges Kinn, verwuscheltes Haar, älterer Herr nun schon, nicht besonders gutaussehend, aber doch mit Charisma. Möcht ich meinen. Hat dann angekündigt, dass er üblicherweise in der ersten Hälfte Zeug vom neuen Album spielt und danach noch was anderes, es wäre also irgendwie eine komisch klingende Mischung zu erwarten.

Dann gings los, recht laut auch dank der beiden Verstärker, und vermutlich wars wirklich das Zeug von Ghost Ship, das hatte ich mir in den letzten Tagen hin und wieder angehört, und was er da spielte, kam mir sehr vertraut vor. Dunkles, ruhiges Zeug, ab und zu unterbrochen von planlos wirkendem Effektpedaleinsatz, das eine oder andere Stück auch komplett übersteuertes Rock-Geriffe, so dass die vielen Griffe, die er da geschrubbt hat, kaum zu unterscheiden waren, aber so ganz ohne Band im Hintergrund klingt das irgendwie witzig.

Gitarre spielen kann er. Singen auch. In unterschiedlichen Tonlagen. Und musikalisch abwechslungsreich war es auch, alle erwähnten Genres wurden angespielt, leise und laut, kontemplativ und schraddelig, klassische Songs und Soundscapes, mit dröhnenden Basssaiten und hell klingenden Melodien, war das eine Fender Jaguar? Oder eine Jazzmaster? Aber wie gesagt, das Herumgetrete auf den Effektpedalen, das war so gar nicht im Fluss, das scheint er noch üben zu müssen.

Nach erstaunlich kurzer Zeit hat er dann schon sein letztes Stück angekündigt, ist danach aber nur einen Schritt neben die Bühne gegangen und nach wenigen Sekunden Applaus schon wieder nach oben gekommen und hat nochmal drei Stück gespielt, nach denen war aber wirklich Sense, der Mischpultmann hat das Licht und Hintergrundmusik hochgeregelt und der Applaus verebbte. Bei den paar Hanseln war der ja auch nicht tosend. Zehn vor zehn. Ich hab noch kurz nachgeguckt, was die Platten kosten sollen (fünfundzwanzig) und schnell recherchiert, was sie bei Flight13 dafür haben wollen, da muss ich ja eh noch die neue Kim Gordon und die neue Motorpsycho bestellen (nicht im Angebot), hab mich aber doch lieber kurzerhand ohne die Platte vom Acker gemacht.

Beim Warten am U-Bahnhof nochmal in anderen Online-Shops nachgeguckt und die Platte für fünfunddreißig Euro gefunden, vielleicht doch nochmal zurückgehen und vor Ort kaufen? Das mitgeführte Bargeld hätte genau noch gereicht. Ach nö, lass ma.

Aber ich werd mich mal noch in die ganzen Nebenprojekte und Kollaborationen reinhören, die der umtriebige Namensvetter (ich hab mich eine kurze Zeit in meiner frühen Jugend auch Chris genannt) da in den letzten Jahren noch so verbrochen hat, da immer nur in den drei oder vier Bandcamp-Accounts unter seinem eigenen Namen zu gucken, reicht ja gar nicht.