Heiße Schlangen

Wir waren bei einem Konzert. Alle beide.

Krischan am 14. Oktober 2018

Das letzte mal zu zweit beim Konzert waren wir bei Built to Spill, drei Jahre her ist das jetzt, da hatten wir zufällig meine Eltern für die Aufsicht über die Kinder da, aber inzwischen sind sie ja so groß, dass die das schon alleine können, das aufpassen. Und zu den Hot Snakes wollten wir nun auch wirklich beide, und außerdem war das der Tag unseres Jubiläums, am Donnerstag vor 23 Jahren haben wir uns das erste Mal geküsst, da muss man auch mal was dürfen können.

Die Nachbarn mit Kind waren informiert, und trainiert hatten wir das ja die letzten Wochen eh schon mit abendlichen Kneipenbesuchen nach dem Ins-Bett-bringen, da kamen dann aber noch Telefonanrufe, wann wir denn endlich fertig und wieder zu Hause wären, zum Teil aber auch, weil das mit dem Telefonieren noch so toll und neu war. Nun aber Losgehen vorm Waschen und Zähneputzen (das vermutlich sowieso nicht stattgefunden hat, aber wen stört das schon) und keine Möglichkeit des Telefonierens. Dafür waren wir vorher nochmal schön zusammen Falafel-Halloumi-Schawarma-Kufta-Teller essen beim Iraker drei Häuser weiter, und Protest gab es tatsächlich keinen. Lag es am Proviant, den sie sich vom Pfandgeld vorsorglich besorgt hatten?

Die allerersten waren wir jedenfalls nicht, als wir im Lido eintrafen, aber der Merchandise-Mann war noch am aufbauen, musste uns aber gleich ein signiertes Siebdruck-Poster und zwei von den limitierten Singles überlassen. Katharina wollte ja eigentlich noch was zum Anziehen haben, nachdem sie neulich zähneknirschend ein paar Band-T-Shirts ausmustern und an Juri abtreten musste, weil die über die Zeit immer kleiner geworden waren, aber da gab es leider nur weniger schöne und fast ausschließlich zu große Teile. Dafür hat die Garderobenfrau die Singles und das Poster mit einer Selbstverständlichkeit in behutsame Verwahrung genommen, mit der wir nicht gerechnet hätten. Siehste mal, da zahlt man doch ohne zu murren die Garderobengebühr.

Punkt achte gings noch nicht los, aber allzu lange mussten wir nicht warten. Die Vorband klang erstmal etwas öde, eine Berliner Band aus lauter amerikanischen Zugezogenen sollte das sein, nicht die einige Tage zuvor noch angekündigte australische Band. Jedenfalls waren die auch alle schon etwas älteren Kalibers, ein Tankwart mit halblangen grauen Haaren an der Gitarre, ein verhältnismäßig junger Sportstudent mit bunten Kniestrümpfen am Bass, ein bebrillter Wirtschaftsprofessor am Schlagzeug und ein junggebliebener Hampelmann mit Jello-Biafra-Gedenkfrisur am Mikro. Die Musik war irgendwas punkiges aus der Kiste frühe Neunziger, der Sänger im stetigen Versuch, wie ein besoffener Grölheini zu klingen, dabei hatte er irgendein Heißgetränk am Start, wenn ich das richtig gesehen habe. Später haben sie wohl ältere Sachen gespielt, die waren flotter und mehr aus der Ecke Hardcore-Punk der späten Achtziger, eins klang sogar fast wie aus dem Hause Dischord. Insgesamt konnte ich mich aber nicht so recht entschließen, sie gutzufinden, was wohl im wesentlichen am selbstverliebten Witzig-Getue des Sängers lag. Der Sound war auch nicht so doll.

Der Saal füllte sich unterdessen, und kaum waren die Dysnea Boys (!) fertig, tauchten auch drei bekannte Gesichter auf, mit denen wir eigentlich die ganze Zeit schon gerechnet hatten. Katharina und ich haben uns dann aber beizeiten nach vorne durchgewühlt, die anderen sind aus mir unbekannten Gründen hinten in der Nähe des Tresens geblieben. Alle drei kleiner als wir beide.

Und dann gings auch schon bald los, wobei, es hat sich schon noch ganz schön gezogen, aber irgendwann haben wir angefangen zu pfeifen, und dann kamen sie aus ihren Backstage-Loch gekrochen. In Deutschland beginnt man als stilbewusste Band natürlich mit »Death Camp Fantasy«, wenn man einen so benamten Song auf Lager hat. Der Sound war von Anfang an sehr viel besser als bei der Vorband, liegts an der Professionalität, dem längeren Soundcheck oder dem besseren Equipment und höheren Boxentürmen? Oder an unserem Standpunkt vorne statt Sitzpunkt weiter hinten ganz am Rand?

Hier sollte eigentlich ein Video zu sehen sein.

Und die Leute auf der Bühne waren auch viel cooler, ich kann mich gar nicht entscheiden: der ernste Sportlehrer mit Indianerzöpfen am Schlagzeug, der mit Ruhe, Konzentration und Wucht seine Arbeit verrichtet, der braungebrannte Eisverkäufer mit buntem Hemd und arroganten Starallüren an der Gitarre, der herumspuckt und seinen Fuß posermäßig nicht auf die Monitorboxen, sondern auf Schultern und Köpfe der in der ersten Reihe stehenden stellt, der fröhlich grinsende Busfahrer mit weißem Bärtchen und weit nach hinten reichender Stirnglatze am Bass, der mit Spaß an der Sache linkshändig spielt, wahlweise mit nickendem Kopf oder mitgerissen in die Knie gehend, der unrasierte und -frisierte Bahnhofszausel am Gesang, Mund- und Augenwinkel nach unten gehängt, gelangweilt und genervt ins Mikro quäkend und an der Gitarre herumschrammelnd? Es haben einfach wie im Kindergarten alle gewonnen, jeder ist auf seine Art ganz-ganz prima und kann gegen allen Anschein supergut mit den anderen zusammen spielen.

Vor der Bühne wurde gehüpft und gerempelt wie früher, wir standen direkt am Ufer der wogenden Masse, mehr zum Rand hin in der dritten Reihe, und ab und zu schwappten die Wellen über uns hinweg und spülten uns ein wenig hin und her, auch Bierspritzer soll es gegeben haben. Handys hingegen wurden kaum hochgehalten, nur von zwei aufgetakelten Groupiebienchen, die den Eisverkäufer anhimmelten.

Gespielt haben sie laut fachfraulicher Auskunft von allen Platten etwas, so genau kann ich das nicht beurteilen, ein paar der Lieder waren mir aber weniger vertraut als andere. Sehr lange haben sie für ihre kurzen Klopper aber nicht gebraucht, zumal sie kaum eine richtige Pause zwischen den Songs ließen, sondern immer am Ende des einen gleich in den Anfang des nächsten Songs übergingen: nach einer reichlichen Dreiviertelstunde war erstmal Schluss, aber nach recht kurzer Zeit sind sie nochmal rausgekommen und haben noch eine Handvoll Liederchen aufgeführt. Danach war aber wirklich Schluss, Licht an, Konservenmusik auch, eine reichliche Stunde von der Sorte schlauchen ja auch genug, die Olle war schon ganz nassgeschwitzt. Aber glücklich!

Noch ein bisschen rumstehen und labern, u.a. vom Konzert in Madrid, wo sie mit Van Pelt zusammen auftreten sollen, was ja eine traumhafte Kombi wäre, aber wie soll man dahin kommen? Dann Klamotten und Merch einsammeln, nochmal die T-Shirts am Stand begucken, ob nicht doch eins dabei wäre, draußen weiterlabern, die Vorband beim Einpacken beobachten, an der Ecke noch was kleines essen, weil man das schließlich so macht, wenn man mal wieder wie als junger Mensch nachts noch draußen ist, und dann zur Straßenbahn latschen.

Zuhause sah es ganz manierlich aus, die Kinder schliefen bei annem Licht friedlich zu zweit auf der großen Matratze statt in ihren Hochbetten, vom Knabberkram war noch einiges übrig, nirgends Flecken, Scherben oder Erbrochenes. Das lässt sich also in Zukunft wiederholen, gut zu wissen.

Und ich werd mir mal die anderen Platten von denen auch noch besorgen, die gibts ja jetzt in bunten Neuauflagen.

Krischan am 16. Oktober 2018:

Jetzt fängt die komplett verrücktgewordene Olle doch tatsächlich an, Konzert und Flug und Übernachtung und Kinderbetreuung für Madrid zu buchen …