An Undying Love For A Burning World

Band
Neurosis
Format
2 LP
Jahr
2026
Label
Neurot
Kennung
NR 138
Zusatz
transparent-orange-marmoriertes Vinyl, Klappcover

Krischan am

Zehn Jahre Pause seit dem letzten Album.

Hatte aber diverse Gründe. Einer davon war womöglich der Ausstieg von Scott Kelly vor ein paar Jahren. Der hatte offenbar schon länger Probleme (gemacht) durch seine Art und Weise, mit seiner Familie und seinen Freunden umzugehen. Ursache war wohl schwere Kindheit und manische Depression, und schon ein paar Jahre vorher ist er damit an die Öffentlichkeit gegangen und hat Besserung gelobt, dann aber die Medikamente abgesetzt und sich wieder daneben benommen und als Konsequenz jetzt also sein Leben als Musiker beendet. Also nur seine öffentliche Tätigkeit, nicht das Leben selbst. Mann-oh-Mann. Aber vielleicht wirklich richtig so. Was genau passiert und wie die Reihenfolge war und ob er gegangen ist oder wurde, hab ich durch die vielen sich leicht widersprechenden Quellen nicht ganz verstanden und ist ja auch egales Boulevard-Getratsche. Schade jedenfalls.

Hab ich gleich nochmal in ein paar seiner musikalischen Nebenprojekte reingehört, Absent In Body, Blood & Time, Corrections House und so. Schicke Sachen bei. (Und auch gleich noch in Steve von Tills, des anderen Sängers meist viel ruhigere Soloprojekte unter seinem eigenen Namen und als Harvestman.)

Aber: die Band hat Ersatz gefunden. Einen anderen Gitarristen und Sänger. Und zwar Aaron Turner. Von Isis. Der Band, die ich im unklar umrissenen Genre Sludge / Doom immer mindestens am zweitbesten fand. Die sind sich wohl auch vorher schon ab und zu begegnet, Neurosis für ihn immer großes Vorbild, außerdem gemeinsame Touren und grafische Arbeiten Aarons für Neurosis-Alben (auch für dieses) und eine Einladung zu einem gemeinsamen Projekt. Und jetzt also festes Bandmitglied.

Die Folge: die Band klingt wieder so richtig gut! Die zweite Stimme neben, vor, nach und/oder hinter der von Steve von Till jetzt stellenweise noch ein ganzes Stück krasser, und auch das Songwriting ist wieder interessanter, es darf metern und brettern, es darf leise knarzen, im Hintergrund schraddeln, sägen, pfeifen, die wilden Räuber aus den finsteren Wäldern dürfen grölen, jaulen, munkeln und auch mal weinen, es darf still und ruhig und fast schon harmonisch sein, bevor der Lärm wieder losbricht, bevor die fies verzerrten Gitarren und die gruseligen Synthesizerklänge den Krach in tonnenschweren Gesteinsschichten übereinandertürmen, um auf dem abschüssigen Gipfel unaussprechliche Riten abzuhalten. Lange Spannungsbögen und abrupte Breaks, unerwartete Rhythmuswechsel und stoische Wiederholungsschleifen, einfache Melodien und brüllende Dissonanzen, ausklingende Akkorde und quietschende Feedbacks, schöne Harmonien und bösartige Wut, Laut und Leise und fast alles dazwischen und drumherum: alles drin, was reingehört.

Hab ich das Schlagzeug erwähnt? Weit nach hinten gemischt, wenn es laut wird, so muss das sein, aber gut akzentuiert zu hören, wenn es darauf ankommt, sehr gut, dabei nicht zu viel herumtrommelnd, aber vor allem auch nicht zu öde durchtaktend, sondern sehr abwechslungsreich das aktuelle Riff begleitend, genau richtig quasi, deswegen ist es mir einfach noch gar nicht aufgefallen, auweia.

Die Formulierungen klingen jetzt fast so, als wäre da in den letzten Alben eine nachlassende Qualität zu beobachten gewesen, aber bei genauerem Nachhören kann ich das gar nicht bestätigen. Also: immer noch so rischtie juht. (Weil ja jetzt mancherorts was von neu und anders zu lesen ist; kann ich so gar nicht bestätigen. Schließt sich nahtlos an. Experimentelle Einschläge und leise Post-Rock-Passagen usw. hatte die Band auch schon ohne den Neuen drauf.)

Hier könnte eigentlich ein Bandcamp-Player hin.

Geile Platte! Wo ich doch schon fast der Meinung war, Isis wäre eventuell phasenweise vielleicht sogar doch noch ein Mü besser als Neurosis, aber dann haben die sich schon längst aufgelöst, und dafür ist jetzt der Sänger hier bei Neurosis gelandet. Ein Träumchen.

Nicht mehr von Steve Albini aufgenommen, schnief-schnüff, der das bei den letzten Platten der Band fast ausnahmslos getan hat, sondern von Scott Evans, dessen Namen man vielleicht aus der Band Kowloon Walled City kennt, die ich mal live im Vorprogramm von Neurosis gesehen und gar nicht so schlecht gefunden habe, und der neuerdings wohl auch lauter Platten aufnimmt und mixt. Unter anderem Sumac, wo Aaron Turner ja auch mitmischt. Alles eine Soße.

Fettes Klappcover mit schicker Grafik, der grobe schwarze vielarmige sich drehende Klecks mit Glanzfolie hervorgehoben. Der ungebleichte braune Karton riecht noch kräftig nach irgendwelchen Chemikalien. Das Vinyl der beiden Scheiben in leicht unterschiedlichem Orange getönt (Platte eins fast schon eher braun zu nennen, wenn man sie nicht gegen das Licht hält) und mit schwarz-grauen Schlieren. Schwarze Innenhüllen ohne Fütterung, die sich total doof in die Tip-On-Konstruktion ohne die dritte Dimension reinschieben lassen, zumal die Ecken nur an der oberen Öffnung hinreichend angeschrägt sind. Aber eine viel zu große Schutzhülle wurde mitgeliefert.

Die Platte hatte ich schon länger bei Flight 13 in der Merkliste, und als die Zeit des angekündigten Veröffentlichungstermins ran war, wollte ich sie dort bestellen, aber nüschte nich vergisses: ausverkauft. Nanu. Hab ich an diversen anderen Stellen geguckt und immer für viel zu teuer befunden, aber beim offiziellen Band-Shop für Europa gings, da konnte man sich die zweite Auflage in farbigem Vinyl vormerken. Was ich nach einigem Zögern gemacht habe. Und als ich später festgestellt habe, dass es neben dem albern als Coke Bottle Smoke benannten und nicht übermäßig schicken grau-marmorierten auch orange-marmoriertes Vinyl namens Tigers Eye gibt, das auch viel besser zum Cover-Artwork passt, hab ich per Mail angefragt, ob sich das nicht nachträglich noch ändern ließe, und wenige Minuten später war meine Vorbestellung entsprechend angepasst. Coole Sache das.

Und dann kam auch schon eine Woche vor dem (erst nochmal nach hinten nachjustierten) Veröffentlichungstermin die Benachrichtigung, die Platte sei jetzt schon auf dem Weg, und nun hab ich sie also pünktlich zum ursprünglich angekündigten Release-Date auf meinem Schreibtisch und Plattenteller liegen. Als würde die eine Woche was ausmachen. Nach zehn Jahren.

Tracks

  1. We Are Torn Wide Open
  2. Mirror Deep
  3. First Red Rays
  4. Blind
  5. Seething And Scattered
  6. Untethered
  7. In The Waiting Hours
  8. Last Light

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